Geldregen über dem Nationalpark: Ein Segen für die Region

Drei Beispiele für erfolgreiche Drittmittelprojekte des Nationalparks Bayerischer Wald

Eintrag Nr. 12/2018
Datum: 25.08.2018


Durch externe Zuschussgeber profitiert in der Region nicht nur der Nationalpark, sondern auch zahlreiche Firmen und Institutionen. Grafik: Annemarie Schmeller
Durch externe Zuschussgeber profitiert in der Region nicht nur der Nationalpark, sondern auch zahlreiche Firmen und Institutionen. Grafik: Annemarie Schmeller

Skizzen der Waldwerkstatt, die im Hans-Eisenmann-Haus entsteht. Grafiken: Atelier & Friends
Skizzen der Waldwerkstatt, die im Hans-Eisenmann-Haus entsteht. Grafiken: Atelier & Friends

Dr. Claus Bässler ist in der Forschungsabteilung des Nationalpark unter anderem für Mykologie zuständig. Foto: Daniela Blöchinger
Dr. Claus Bässler ist in der Forschungsabteilung des Nationalpark unter anderem für Mykologie zuständig. Foto: Daniela Blöchinger

Das LIFE+ Projekt kümmert sich um die Verbesserung dreier Lebensraumtypen: Moore, Schachten und Fließgewässer. Fotos: Claudia Schmidt
Das LIFE+ Projekt kümmert sich um die Verbesserung dreier Lebensraumtypen: Moore, Schachten und Fließgewässer. Fotos: Claudia Schmidt

Grafenau/Neuschönau. Weil sich die Realisierung unterschiedlichster Projekte meist nicht allein mit Eigenmitteln stemmen lässt, gehört die Akquise von Fremd- und Förderkapital zur Tagesordnung in der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald. Ob Geld von der EU, aus Stiftungen oder projektbezogen für die Forschung: „Wir holen Fremdmittel aus verschiedenen Töpfen in die Region“, erklärt Nationalparkleiter Dr. Franz Leibl. Im Gegenzug trage der Geldsegen zur positiven Außenwirkung der Gegend bei: „Erfolgreiche Projekte, die dank Fremdmittel umgesetzt werden können, strahlen als Leuchttürme weit über die Region hinaus“, ist Leibl überzeugt. Drei Beispiele:

 

EU-gefördert: Die Waldwerkstatt

Bald wird gespielt und gebastelt im Hans-Eisenmann-Haus – und gleichzeitig geforscht, entdeckt, gestaunt und gelernt: In den ehemaligen Raum für Wechselausstellungen zieht derzeit die Waldwerkstatt ein – eine multifunktionale Einrichtung für Kinder, Jugendliche und Schüler auf 100 Quadratmetern. „Bisher werden die Tagesangebote für Schulklassen im Nationalparkzentrum Lusen nur wenig genutzt“, bedauert Lisa Ornezeder. Die Kunsthistorikerin und Museumspädagogin koordiniert das Projekt Waldwerkstatt – und glaubt fest daran, dass sich nach dessen Fertigstellung im Sommer 2020 mindestens 50 Schulklassen und Kindergartengruppen pro Jahr am umweltpädagogischen Programm im Hans-Eisenmann-Haus beteiligen.

Möglich macht die Waldwerkstatt eine Kooperation mit dem Nachbar-Nationalpark Šumava: In Kašperské Hory entsteht das Spiegelprojekt zu Neuschönau. „Die Europäische Union fördert die 1,3 Millionen Euro teure Maßnahme zu 85 Prozent mit Mitteln aus ihrem Interreg-Programm“, erklärt Christian Binder, Leiter des Hans-Eisenmann-Hauses. Der Umbau auf bayerischer Seite sei mit 750.000 Euro kalkuliert.

Teuerster Brocken: ein stilisierter Berg im Zentrum der neuen Waldwerkstatt, der das Lusen-Blockmeer nachempfindet. „In dem abstrakten Gebilde werden Entdeckerstationen zum Hören, Tasten und Riechen eingebaut“, erklärt Lisa Ornezeder das Konzept, das die Biodiversität und natürliche Dynamik im Nationalpark Bayerischer Wald spielerisch vermittelt – und am Fuße des „Lusen“ nochmals über Themen­boxen vertieft.

„Mit der Waldwerkstatt lassen sich unsere umweltpädagogischen Programme endlich voll umsetzen“, freut sich Christian Binder. Überdies: „Durch die dreisprachige Ausarbeitung der Inhalte können wir unsere tschechischen Gäste professionell bedienen.“ Sie würden schließlich von Jahr zu Jahr mehr.

 

Schwer zu beschaffen: DFG-Geld für Doktorarbeiten

Wenn Aleksandar Zarkov durch den Nationalpark Bayerischer Wald streift, interessieren ihn weniger die lebenden als die toten Bäume: Der Bulgare untersucht die Besiedlung von Totholzstämmen durch verschiedene Organismen. Dazu kombiniert er modernste molekularbiologische Methoden mit klassischen Fruchtkörperkartierungen und Sporensammlungen – und formuliert aus den Ergebnissen dieser Prozesse seine Doktorarbeit.

„Die Erforschung der Diversität von Pilzen und Bakterien in Totholz ist unglaublich aufwändig und kostspielig. Das könnten wir alleine gar nicht stemmen“, weiß Dr. Claus Bässler. Der Mykologe, Klimatologe und stellvertretende Leiter des Sachgebiets Naturschutz und Forschung betreut einen Großteil der Doktoranden im Nationalpark Bayerischer Wald – und akquiriert für die Realisierung der wissenschaftlichen Arbeiten regelmäßig Fremdmittel aus den unterschiedlichsten Töpfen.

Aleksandar Zarkovs Doktorarbeit unterstützt die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) mit 800.000 Euro. Jedoch: „Das Geld wird unter allen Kooperationspartnern aufgeteilt“, erklärt Claus Bässler. 250.000 Euro verbleiben für das Gehalt des Doktoranden sowie für diverse Sach- und Analysemittel im Nationalpark. Der Rest geht an die Technische Universität Dresden und das Umweltforschungszentrum Halle, die für Zarkovs Arbeit ihre Labors samt Personal zur Verfügung stellen.

„Die Wahrscheinlichkeit, einen Förderantrag bei der DFG durchzukriegen, liegt bei unter zehn Prozent“, weiß Claus Bässler. Schließlich trete man in Konkurrenz zu allen Universitäten in Deutschland. Nationalparkleiter Dr. Franz Leibl pflichtet bei: „Bei der DFG überzeugen nur extraordinäre, schlüssige Konzepte.“ Dass es dem Nationalpark unter Bässlers Federführung bereits zum zweiten Mal gelungen ist, an DFG-Gelder für Doktorarbeiten zu kommen, bestätige einmal mehr, auf welch hohem wissenschaftlichen Niveau hier gearbeitet wird. Franz Leibl: „Unsere Forscher sind international angesehen – und wirklich allererste Sahne.“

 

LIFE+ zum Schutz von Fließgewässern, Mooren und Borstgras

Dass auf dem Ruckowitzschachten im Sommer und Herbst eine Rotvieh-Herde weidet, gehört seit 2014 zum vertrauten Bild für Wanderer durch die Hochlagen des Nationalparks. Die friedlich grasenden Rinder erinnern an längst vergangene Zeiten, als die Schachten des Bayerischen Waldes noch als Weiden genutzt wurden. Das Experiment heute ist Teil des LIFE+ Projekts „Moore, Fließgewässer und Schachten". Mit LIFE+ fördert die EU Maßnahmen, die die Natura-2000-Gebiete verbessern.

„Neben der Schachtenbeweidung zum Erhalt der Borstgrasrasen bindet das Programm die Moore und Fließgewässer im Nationalparkgebiet ein“, erklärt Jochen Linner. Der Förster verantwortet den Natur-, Arten- und Biotopschutz in der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald und betreut das LIFE+-Projekt federführend während seiner Laufzeit von Oktober 2013 bis September dieses Jahres.

Für insgesamt 1,3 Millionen Euro – 50 Prozent davon entstammen dem LIFE+-Programm der EU, 30 Prozent dem Bayerischen Naturschutzfonds und 20 Prozent dem Nationalpark – wird die natürliche Dynamik im Schutzgebiet wieder ein Stück weit mehr ertüchtigt: „Wir haben drei Moorgebiete renaturiert und 60 Hektar Moorwaldflächen wiedervernässt“, führt Jochen Linner die Maßnahmen zur Verbesserung des natürlichen Wasserhaushalts in Moorgebieten an. Ferner wurden die Kleine Ohe, das Sagwasser und der Waldhüttenbach punktuell renaturiert, die Durchlässe verschiedener Gewässer umgebaut bzw. deren Bachsohlen angehoben. Sie sind nun für Fische und weitere aquatische Lebewesen wieder durchgängig.

Jochen Linner kann dem LIFE+ Projekt viel Positives abgewinnen – nicht nur, was die Natur, sondern auch, was die Region anbelangt. So wurde in der Nationalparkverwaltung vorübergehend eine Vollzeitstelle zur Projektbetreuung geschaffen. Zudem: „Zur Umsetzung der Renaturierungsmaßnahmen haben wir überwiegend örtliche und regionale Unternehmen beauftragt“, zählt Linner auf.

Zusätzliche Angebote für Besucher habe das LIFE+ Projekt überdies erbracht: neben der Filmdokumentation „Wasser im Nationalpark Bayerischer Wald“ einige neue Infotafeln sowie den Moorwaldsteg am Waldhüttenbach. Freilich: „Das Rotvieh auf dem Ruckowitzschachten ist am publikumsträchtigsten“, weiß Jochen Linner. Zur Freude vieler Wanderer dürfen sie diesen Sommer sogar ihr Revier ausweiten: Genüsslich grasen sie nun auch auf dem Hochschachten.

 

Hinweis: Dieser Bericht stammt aus dem Nationalparkmagazin Unser Wilder Wald. Die komplette Ausgabe kann HIER als PDF-Dokument heruntergeladen werden.

nach oben nach oben