Abenteuer ÖPNV? Von Deggendorf mit dem Zug zum Haus zur Wildnis

Umweltfreundlicher Nationalparkausflug: So funktioniert die stressfreie Anreise mit der Waldbahn

Eintrag Nr. 67/2020
Datum: 27.08.2020


In der Waldbahn ab Deggendorf werden Fahrgäste sofort von einem röhrenden Hirschen begrüßt. Fotos: Stefan Heigl
In der Waldbahn ab Deggendorf werden Fahrgäste sofort von einem röhrenden Hirschen begrüßt. Fotos: Stefan Heigl

Das Nationalparkzentrum Falkenstein verfügt über einen eigenen Waldbahn-Haltepunkt.
Das Nationalparkzentrum Falkenstein verfügt über einen eigenen Waldbahn-Haltepunkt.

In der Steinzeithöhle können Besucher in die Vergangenheit eintauchen.
In der Steinzeithöhle können Besucher in die Vergangenheit eintauchen.

Auf einer großen Wiese weiden im Tier-Freigelände nicht nur Auerochsen, sondern auch Wildpferde.
Auf einer großen Wiese weiden im Tier-Freigelände nicht nur Auerochsen, sondern auch Wildpferde.

In der Ferne blitzt der Luchs aus seinem weitläufigen Gehege in Richtung Besucherplattform.
In der Ferne blitzt der Luchs aus seinem weitläufigen Gehege in Richtung Besucherplattform.

Ludwigsthal/Deggendorf. Dass Bus fahren im Bayerischen Wald sehr entspannt sein kann, habe ich bereits auf einer Tageswanderung zum Lusen mit Anreise aus Passau feststellen können. Doch wie sieht es mit dem Nahverkehr auf den Gleisen aus? Um es selbst auszuprobieren, nehme ich heute den Zug ab Deggendorf und fahre bis nach Ludwigsthal, um dem Nationalparkzentrum Falkenstein einen Besuch abzustatten.

Ohne vorherigen Besuch am Fahrkartenautomaten steige ich ein, als die Waldbahn am Bahnhof Deggendorf zum Stehen kommt. Im Zug macht sich direkt die Wildnis breit. Ein röhrender Hirsch ist auf einem großen Plakat abgedruckt und empfängt die Fahrgäste. Der perfekte Einstieg in meinen heutigen Ausflug. Nach kurzer Rücksprache mit der freundlichen Zugbegleiterin erhalte ich meinen Fahrschein bequem direkt am Platz. Das Waldbahn-Tagesticket für faire 8,50 Euro bringt mich einen Tag lang durch das gesamte Streckennetz und so auch bis nach Ludwigsthal und wieder zurück.

Früherer Holztransport: Spiegelauer Waldbahn hatte 110 Kilometer langes Netz

Mit dem Namen „Waldbahn“ knüpfen die Züge an die Geschichte der ehemaligen Schmalspurbahnen an, die ab 1900 in der heutigen Nationalparkregion gebaut und bis 1960 betrieben wurden. Mit den Eisenbahnen konnten die enormen Holzmengen, welche im Grenzgebiet zum heutigen Tschechien geschlagen wurden, abtransportiert werden. Die Spiegelauer Waldbahn war einst sogar die Größte ihrer Art in West- und Mitteleuropa und verfügte über ein Streckennetz von bis zu 110 Kilometern. Die heutige Waldbahn mit ihren auffällig grün-gelben Fahrzeugen verbindet den Bayerwald hingegen seit 1996 über die Schiene mit dem Rest der Welt. Mit der Stadt Zwiesel als Knotenpunkt fahren Züge nach Plattling, Grafenau, Bayerisch Eisenstein und Bodenmais. Seit 2016 wird zudem Viechtach von Gotteszell aus angefahren – aktuell als Probebetrieb.

Schummriges Licht, am Boden verstreute Knochen und Malereien an den Wänden der Höhle - knapp eine Stunde braucht die Waldbahn, um mich von Deggendorf in das Ludwigsthal der letzten Eiszeit zu bringen. Die Nachbildungen der berühmten Grotte Chauvet versetzen mich in eine Zeit, als Gletscher auf den Berggipfeln des Bayerischen Waldes thronten und Auerochsen sowie Wildpferde durch die Landschaft zogen. In der Höhle bedarf es gar nicht mehr viel Fantasie, um sich das Aussehen der heutigen Bayerwaldregion vor 20.000 Jahren vorzustellen. Nebenbei werden einem dabei umso anschaulicher die aktuellen Folgen des Klimawandels in unserem Alltag deutlich – diesmal allerdings ausgelöst durch die menschengemachte globale Erwärmung. Mit einer interaktiven Präsentation können verschiedene Szenarien und deren Auswirkungen auf Flora, Fauna und Funga im hinteren Teil der Höhle durchgespielt werden. Anschaulich und interessant, aber auch bedrückend.

Von der Steinzeithöhle zu Wildpferd, Auerochse, Wolf und Luchs

2006 wurde das Nationalparkzentrum Falkenstein feierlich eröffnet. Mit der Erweiterung des Nationalparkgebiets im Zwieseler Winkel 1997 sollte auch für diesen Bereich ein großes Besucherzentrum geschaffen werden. Seitdem ist das Haus zur Wildnis, als Zentrum des Areals, regelmäßiger Austragungsort von kulturellen, wissenschaftlichen und pädagogischen Veranstaltungen und bietet Raum für spannende Ausstellungen.

Der Pfad zum Haus zur Wildnis führt von der Steinzeithöhle heraus weiter durch das Tier-Freigelände. Die Malereien aus der Höhle werden hier kurzerhand Realität – Urrinder mit großen Hörnern und Przewalski-Pferde liegen friedlich herum oder grasen in ihrem Gehege. So muss es ausgesehen haben, als die großen Pflanzenfresser die Landschaft vor Jahrtausenden durchstreiften. Ich mache mich auf zu den zwei anderen Gehegen, zu den Wölfen und Luchsen. Und tatsächlich bekomme ich vom Aussichtsturm, der zum Wolfgehege gehört und auch einen schönen Blick Richtung Falkenstein bietet, nacheinander alle drei Wölfe zu sehen. Auch beim Luchsgehe habe ich Glück. Im Schatten einer Fichte hat sich ein Tier in Sichtweite hingelegt. Unbeeindruckt vom Klacken der Fotoapparate räkelt er sich und leckt seine Pfote. „Das ist halt auch eine Katze“, kommentiert eine Besucherin treffend. 

50. Nationalpark-Geburtstag wird noch bis Anfang November im Haus zur Wildnis thematisiert

Was mich aber vor allem nach Ludwigsthal zieht ist die aktuelle Sonderausstellung „50 Jahre (Wald)Entwicklung im Nationalpark Bayerischer Wald in Bildern“ im Haus zur Wildnis. Auf mich, Jahrgang 1996, wirken die Bilder von abgestorbenen Wäldern wie Relikte aus fernen Zeiten. Für mich ist das Großschutzgebiet seit ich denken kann mehr Werden als Vergehen, obwohl ich weiß, dass beide Aspekte zur natürlichen Dynamik der Wälder dazugehören. Die Fotos und Zeitreihen rufen einem ins Gedächtnis, dass es nicht selbstverständlich ist, was hier auf diesem Fleck im Osten Bayerns geschieht.

Neben den Bildern aus den fünf Jahrzehnten des Bestehens hat die Ausstellung auch mehr zu bieten. Eine Diashow zeigt Impressionen von Besuchern des Parks, ein Stamm-Tisch mit angebrachten Büchern für Klein und Groß lädt zum Schmökern und Verweilen ein und eine Stele mit interaktiven Vorher-Nachher-Vergleichen komprimiert ein halbes Jahrhundert Naturschutz auf einen Wisch mit dem Finger. Nicht nur ich bin begeistert von der Ausstellung und dem Nationalpark, wie die Wünsche und Grußbotschaften auf der großen Gästewand zeigen.

In der Gastonomie kann man bei Kaffee und Kuchen eine kleine Auszeit nehmen

Danach werfe ich noch einen Blick in den Wurzelgang, der erst vor wenigen Tagen nach einem kompletten Facelift wieder eröffnet wurde. Bald folgt auch der neue Nachtraum. Geöffnet hat zudem die Gastronomie, die sich ebenfalls im Haus befindet. Bei Kaffee und Kuchen auf der Terrasse lasse ich den Besuch ausklingen, bevor ich mich auf den Weg zur Haltestelle mache, um den Zug zurück zu erwischen.

Über Zwiesel, Regen und Gotteszell geht es ohne Umstieg durch den Bayerischen Wald. Eine Landschaft, die sich oft gewandelt hat, wie ich heute gelernt habe. Und die sich Anbetracht des Klimawandels auch weiter ändern wird. „Nächste Station: Deggendorf“. Ich steige am Bahnhof aus und blicke der Waldbahn noch kurz nach. Entgegen der landläufigen Meinung klappt die Anreise mit den Öffentlichen zu Tagesausflügen in den Nationalpark Bayerischer Wald wunderbar. Ein wenig Geduld muss man zwar mitbringen, aber etwas Zeit zu geben, kann sehr positive Auswirkungen haben. Siehe die Entwicklung des Nationalparks. So gesehen, ist es vielleicht sogar am passendsten, sich mit dem ÖPNV in das Schutzgebiet auf zu machen.

 

Hinweis: Zu besichtigen ist die Sonderausstellung „50 Jahre (Wald)Entwicklung im Nationalpark Bayerischer Wald in Bildern“ bis 8. November. Das Haus zur Wildnis hat bei freiem Eintritt täglich geöffnet – von 9 bis 18 Uhr. Eine detaillierte Fahrplanauskunft gibt's unter www.bayern-fahrplan.de. Die detaillierten Fahrpläne gibt's unter www.bayerwald-ticket.com.

 

Text: Stefan Heigl

 

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