Abenteuer ÖPNV? Von Passau mit dem Bus zum Lusen

Umweltfreundlicher Wandertag: So funktioniert die stressfreie Anreise mit Schnell- und Igelbus

Eintrag Nr. 62/2020
Datum: 20.08.2020


Gemächlich ziehen die Bayerwald-Hügel bei der Anreise mit dem Schnellbus über die B12 an mir vorbei. Fotos: Stefan Heigl
Gemächlich ziehen die Bayerwald-Hügel bei der Anreise mit dem Schnellbus über die B12 an mir vorbei. Fotos: Stefan Heigl

Von Grafenau aus bringt mich der Lusenbus zur Haltestelle Fredenbrücke.
Von Grafenau aus bringt mich der Lusenbus zur Haltestelle Fredenbrücke.

Bizarre Gebilde zieren den Weg hinauf zum Teufelsloch.
Bizarre Gebilde zieren den Weg hinauf zum Teufelsloch.

Der Weg ist meist recht schmal und steinig, ...
Der Weg ist meist recht schmal und steinig, ...

... später verläuft er eine zeitlang auch über Bohlenbretter.
... später verläuft er eine zeitlang auch über Bohlenbretter.

Das Tagesziel ist erreicht: Der Lusengipfel.
Das Tagesziel ist erreicht: Der Lusengipfel.

Für beste Orientierung sorgt das perfekte markierte Wegenetz.
Für beste Orientierung sorgt das perfekte markierte Wegenetz.

Waldhäuser/Passau. Öffentlicher Personennahverkehr und der Bayerische Wald – zwei Wörter, die nach den gängigen Klischees nicht so recht zusammenpassen mögen. Adjektive wie abenteuerlich, ausbaufähig oder gar nicht existent werden zu diesem Thema öfters vorschnell genannt. Doch daraus ergeben sich auch Möglichkeiten. In diesem entschleunigten, pandemiedominierten Jahr passt mir eine Prise Aufregung und Abenteuer ganz gut in meinen Alltag. So entschließe ich mich, zu einer Wanderung in den Nationalpark Bayerischer Wald und breche per Bus von Passau aus auf. Glaubt man den Vorurteilen, sollte alleine die Anreise für gehörigen Nervenkitzel sorgen.

An einem Dienstag um 9 Uhr stehe ich am Passauer Hauptbahnhof, um von dort meinen ersten Bus, Linie 100, nach Grafenau zu nehmen. Sozusagen vom Großstadtdschungel in die echte Wildnis, auch wenn sich mir Passau eher verschlafen präsentiert. Schon weit vor dem ersten Anstieg muss die erste Hürde überwunden werden. „Einmal zum Parkplatz Fredenbrücke, bitte.“ – „Wo willst du hin?“. Nachdem ich dem Busfahrer mein Anliegen erklärt und er mir die passende Fahrkarte ausgehändigt hat, schließen sich die Türen und ich suche mir einen Platz im fast leeren Bus.

Neukonzeption des ÖPNV im Landkreis Freyung-Grafenau etabliert Schnellbuslinien

In den vergangenen Jahren hat der Landkreis Freyung-Grafenau viel an seinem Nahverkehrskonzept gearbeitet. Darunter auch die beiden Schnellbuslinien 100 und 200, die Riedlhütte beziehungsweise Grafenau mit Passau verbinden. Für diese gilt auch das Landkreistagesticket, mit welchem 51 Buslinien quer durch den ganzen Landkreis einen Tag lang genutzt werden können. Mit neun Euro für Einzelpersonen ein attraktives Angebot.

Entlang der B12 bringt mich der Schnellbus über Röhrnbach, Waldkirchen und Freyung bis nach Grafenau. Unterwegs geben die sanften Hügelketten des Bayerischen Waldes immer wieder den Blick auf mein heutiges Ziel frei – den Lusen. Schon von weitem ist das markante Blockmeer des Bayerwaldgipfels durch den Dunst an diesem Sommermorgen zu erkennen. Pünktlich um kurz vor halb elf Uhr erreiche ich den Busbahnhof in Grafenau, wo ich in den Igelbus umsteigen muss.

Igelbusse erstrahlen seit diesem Jahr in grünem Outfit

Die Igelbuslinien existieren unter diesem Namen seit 1996 in Freyung-Grafenau. Mit dem Rachel-, Lusen-, Finsterau- sowie dem Falkensteinbus im Landkreis Regen können alle beliebten Wanderziele im Nationalpark bequem und umweltfreundlich erreicht werden. Mit einem Betreiberwechsel wurden dieses Jahr die gewohnten roten Busse durch grüne ersetzt. Zudem wurden der Fahrplan und die Anschlüsse zur Waldbahn und dem Schnellbus Linie 100 verbessert.

So ist es kein Zufall, dass der Lusenbus, Linie 602, schon in Grafenau parat steht, um mich zur Fredenbrücke zu bringen. Ich steige ein und setze mich ans Fenster. Der Bus ist deutlich voller als der vorherige: Familien, Rentner und junge Paare machen sich auf in den Nationalpark. Doch auch Einheimische nutzen das Angebot und bieten während der Fahrt Urlaubstipps aus erster Hand. Gelebte Gastfreundlichkeit.

„Du musst ganz leise sein, sonst hört dich der Teufel“

Als ich am Parkplatz Fredenbrücke aussteige, bin ich froh, den Bus genommen zu haben. Keine einzige freie Lücke ist zu sehen, teilweise parken die Autos am Straßenrand. Ohne lästiges Suchen nach einer Abstellmöglichkeit folge ich hingegen gleich dem Lauf der Kleinen Ohe hinauf Richtung Lusen. Neben ihrem sanften Rauschen und Glucksen begleiten mich auch die Informationstafeln des Bergbach-Lehrpfads auf dem Weg zur Martinsklause. An diesem Kulturdenkmal angekommen, genieße ich kurz die Ruhe und den Blick über den künstlichen Stausee, der früher für die Holztrift genutzt wurde.

Steiler bergauf gehe ich weiter Richtung Teufelsloch. Kurz davor treffe ich eine Familie, die, ganz untypisch, in andächtiger Stille den Weg erklimmt. Ich gehe an ihnen vorbei und der kleine Sohn zeigt mir an, still zu sein. „Hier kommt das Teufelsloch“, flüstert er. „Du musst ganz leise sein, sonst hört dich der Teufel.“ Natürlich nehme ich seine Warnung ernst und bewege mich lautlos durch den Bergmischwald. Links und rechts des Pfades zeigen sich unübersehbar die Auswirkungen des jahrzehntelangen Nicht-Eingreifens in die natürliche Entwicklung des Waldes: umgefallene Bäume, Baumpilze, junge Fichten und Buchen soweit das Auge reicht.

Über einen Bohlensteg geht es eben weiter zur Glasarche. Das Kunstprojekt ruht seit Mai 2008 am Fuße des Lusens und lädt zum Nachdenken über die Natur ein. Von dort ist es über den Sommerweg mit der Markierung Luchs nur noch ein Katzensprung zum Lusen. Doch der hat es in sich, denn das letzte Stück steigt man über die Himmelsleiter treppenartig bis zum Gipfel hinauf. Der Ausblick über die Weiten des Böhmerwaldes entschädigt aber für die Strapazen und entlockt manchem Wanderer an diesem Tag sogar einen versuchten Jodler.

Zurück über Winterweg, Waldhäuserriegel und Martinsklause

Zurück nehme ich eine andere Route und folge nach einer kurzen Rast am Lusenschutzhaus dem Winterweg zur Waldhausreibe. Angenehm schattig schlängelt sich die Schotterbahn durch die Buchen des Bergmischwaldes. Nur das regelmäßig wiederkehrende Vogelgezwitscher begleitet mich nach unten. Durch die Felsformationen auf dem Waldhäuserriegel folge ich dem Weg weiter bergab und erreiche schließlich wieder die Martinsklause. Ab hier geht es so zur Fredenbrücke zurück, wie ich gekommen bin.

An der Bushaltestelle angelangt muss ich noch etwa 15 Minuten auf den Bus warten, was ich aber nicht ungern für eine Rast nutze. Der Umstieg in Grafenau zur Linie 100 Richtung Passau gestaltet sich ebenso unkompliziert wie bei der Herfahrt. Ein wenig erschöpft lasse ich mich in einen der Sitze fallen. Eine einstündige Heimfahrt mit dem Auto möchte ich jetzt nicht auf mich nehmen müssen. Gut, dass die ÖPNV Verbindung sorgenfrei und einfach funktioniert. Abenteuerfeeling stellt sich zwar so mangels einer wilden Fahrt nicht ein, aber es lässt sich entspannt ein Tag im wilden Wald verbringen. Und das ist in diesem turbulenten Jahr wahrlich keine schlechte Sache.

Hinweis:
Eine detaillierte Fahrplanauskunft gibt's unter www.bayern-fahrplan.de. Die detaillierten Fahrpläne gibt's unter www.bayerwald-ticket.com. Wer ein Fan romantischer Zugstrecken ist, kann den Abschnitt von Passau bis Freyung an Wochenenden und an Feiertagen im Sommerhalbjahr auch mit der ehrenamtlich betriebenen Ilztalbahn zurücklegen. Infos dazu unter www.ilztalbahn.eu.

 

Text: Stefan Heigl

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