Wald-Klo und Kippen-Friedhof

Rama Dama im Nationalpark - Ein Erfahrungsbericht

Eintrag Nr. 16/2019
Datum: 22.05.2019


Etlichen Müll galt es beim Müllaktionstag des Nationalparks aufzusammeln. Im Text schildert Praktikant Fabian Wirth seine Eindrücke vom Einsatz gegen den Unrat. Foto: Sandra Schrönghammer
Etlichen Müll galt es beim Müllaktionstag des Nationalparks aufzusammeln. Im Text schildert Praktikant Fabian Wirth seine Eindrücke vom Einsatz gegen den Unrat. Foto: Sandra Schrönghammer

Spiegelau. Es ist ein sonniger Morgen Anfang Mai und ich befinde mich gerade auf dem Weg zur Arbeit. Seit etwas über einem Monat bin ich nun schon als Praktikant in der Pressestelle des Nationalparks Bayerischer Wald in der Verwaltung in Grafenau. Ein Monat voller spannender, neuer Eindrücke zwischen Waldwildnis, wissenschaftlicher Erforschung, zwischen Planung von Naturschutzprojekten, Außenterminen in der frühlingshaften Natur und dem Verfassen von Pressemitteilungen und Veröffentlichungen. Gut zwei Drittel meiner Zeit verbringe ich in der Zentrale am Stadtplatz von Grafenau.

An diesem Morgen führt mich der Weg zur Arbeit jedoch nach Spiegelau. Es steht die große Müllsammelaktion des Nationalparks an, die dieses Jahr schon zum zweiten Mal stattfindet. Schon vor gut zwei Wochen konnten wir, die Mitarbeiter des Nationalparks, uns in Listen mit den gewünschten Einsatzgebieten für diesen Tag eintragen. Das große „Rama Dama“, wie wir es nennen, erstreckt sich über das gesamte Nationalparkgebiet und hat neben der Entsorgung Unmengen von Mülls durch die Nationalparkangestellten auch eine Signalwirkung nach Außen: Mit unserer Aktion wollen wir die Besucher des Nationalparks – immerhin sind das jährlich rund 1,3 Millionen Menschen - für das Thema Müllvermeidung und Umweltschutz sensibilisieren. Glücklicherweise verhält sich der überwiegende Teil unserer Besucher bereits sehr vorbildlich und rücksichtsvoll gegenüber der Natur. Für die Überbleibsel der restlichen Leute gehen wir dann heute raus ins Gelände und machen dort Wege, Parkplätze und Besuchereinrichtungen sauber.

Zwischen dutzenden Eimern, Handschuhen, Müllsäcken und Metallgreifern für die Teilnehmer stehen auf dem großen, schweren Holztisch vor dem Eingang des Betriebsgebäudes auch eine riesige Tüte mit Brotzeitsemmeln und eine Kiste Getränke bereit. Es ist an alles gedacht an diesem Morgen. Nach der kurzen Anwesenheitskontrolle werden vom verantwortlichen Ranger die Teams zusammengestellt und auf die jeweiligen Routen verteilt. Jedes Team bekommt eine eigene Strecke, die es an diesem Vormittag systematisch abläuft und vom Müll befreit. Ich sehe mir einige der ausgedruckten und markierten Karten auf dem großen Tisch näher an. Offensichtlich steckt auch hinter dieser Aktion ganz schön viel Planungsaufwand. Mit zwei meiner Kollegen aus der Verwaltung ziehe ich dann im Schatten der großen Fichten unter dem leicht bewölkten Himmel los. Nach einer viertel Stunde hat sich unser Plastikeimer bereits zur Hälfte mit Plastikverpackungen, Papiertüchern, Dosen und Zigarettenkippen gefüllt. Besonders ärgerlich ist an diesem Morgen die Entdeckung einer größeren Ansammlung vergrabenen Mülls am Waldrand. Aus der Zeit vor der Nationalparkgründung finden sich leider manchmal noch kleinere Müllkippen, die sich meist an den Siedlungen unter einer Schicht Fichtennadeln und Zweigen verstecken. Für diese Fälle lassen wir dann einen Bagger anrücken, der diese kleinen Deponien restlos entfernt. Das ist zwar sehr viel Aufwand, aber die Natur dankt es einem, wenn man sie von Bauschutt, Blechdosen, Schuhen und Hausmüll aus den 1960ern befreit. Glücklicherweise gehört das zu den selteneren Funden. Wesentlich öfter begegnen einem auf dem Weg die vier Hauptmüllarten im Nationalpark: Papiertaschentücher, Zigarettenkippen, Verpackungen aus Kunststoff und Hundekotbeutel.

Unsere Route führt uns vom Waldrand weiter in Richtung des großen Parkplatzes. Wir haben es zwar bereits erwartet, aber zu unserer Enttäuschung ist der Schotterparkplatz übersäht mit Zigarettenkippen. Ganz schön viel zu tun heute. Um möglichst alle Bereiche abzulaufen, teilen wir uns auf. Ich schnappe mir den Metallgreifer und marschiere los. Kippe für Kippe klemme ich zwischen die kleinen, blechernen Greifarme und werfe sie in den Plastikeimer. Es ist die reinste Sisyphosarbeit. Die „Stumperl“ lassen sich nur einzeln vom Boden aufheben und für jede entsorgte Kippe tauchen gefühlt vier Dutzend neue auf dem riesigen Parkplatz auf. Die immer gleiche Bewegung mit dem Müllgreifer macht sich nach einer Weile auch in der Hand bemerkbar, dabei können wir trotz unseres Engagements nur einen Teil der ganzen Kippen an diesem Tag entfernen. Es ist wirklich schade, dass manche Menschen so achtlos mit ihrem Müll umgehen. Dabei sind diese Zigarettenfilter alles andere als ungefährlich und erst recht nicht ökologisch abbaubar. Bereits ein einziger dieser Stummel enthält um die 4000 teils krebserregende Giftstoffe und macht 50 Liter Trinkwasser ungenießbar. Trotzdem begegnen meinen Kollegen und mir an diesem Morgen tausende dieser kleinen Zigarettenreste in und um den ganzen Besucherparkplatz. Nach drei Stunden Arbeit auf dem Parkplatz stapeln sich bereits drei große Müllsäcke am Straßenrand, die im Laufe des Tages alle von Nationalparkmitarbeitern eingesammelt und entsorgt werden.

Gegen Mittag haben wir noch eine recht ordentliche Strecke vor uns, denn der Parkplatz und die Kippen haben uns doch mehr Zeit gekostet, als gedacht. Der zweite große Abschnitt unserer Route führt uns entlang der Loipe und in den Waldrand am Parkplatz. Auch hier finden wir wieder eine der vier Müllarten: Taschentücher. Vorsichtig wagen wir uns durch ein richtig unappetitliches Minenfeld aus menschlichen Hinterlassenschaften und Unmengen von Taschentüchern. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob mir die Zigarettenkippen nicht doch bei der Entsorgung lieber waren. Auf jeden Fall ist beides nicht sonderlich schön: Weder optisch, noch für die Natur. Es kommt also wieder der Metallgreifer zum Einsatz und so füllen sich die Müllsäcke weiter mit Papiertaschentüchern. Diese sind nämlich nicht, wie von vielen Menschen vermutet, „nur aus Papier und schnell abbaubar“. In dem Papier ist eine Vielzahl an Zusatzstoffen verarbeitet, die eine Zersetzung eine halbe Ewigkeit dauern lassen. So liegt dieser Müll oft über ein dreiviertel Jahr im Wald und „verschandelt“ dabei die Natur. Wir sind froh, als wir nach einer weiteren Stunde aus dem Dickicht des Waldrandes marschieren, wieder festen Schotter unter den Füßen spüren und den „Klo-Wald“ etwas aufgeräumter als zuvor hinter uns gelassen haben.

Zurück am Sammelpunkt angelangt kann ich endlich meine Handschuhe ausziehen und den Metallgreifer beiseitelegen. Erst mal Hände waschen. Als ich nach meiner anschließenden kleinen Pause einen Kaugummi aus der Jackentasche nehme, fällt mein Blick auf die bunt glänzende Verpackung. So ein Bonbonpapier, eine Zigarettenkippe oder ein Taschentuch sind schnell mal achtlos weggeworfen. „Das eine Stück Papier fällt doch keinem auf“, habe ich oft schon manche Leute sagen hören. Das stimmt schon. Ein einziges Stückchen fällt nicht unbedingt auf, aber wenn es 100 andere Leute genauso machen, dann sieht es irgendwann aus, wie heute auf dem Parkplatz oder in dem Waldstück voller Taschentücher.

 

Mehr Infos zur Kampagne "Müll aus - Natur an" gibt's HIER. Weitere Bilder vom Müllsammeltag gibt's auf der Facebookseite des Nationalparks.

 

Text: Fabian Wirth

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