"Der Nationalpark steht erst am Anfang"

Interview mit Dr. Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte in Augsburg und Regensburg

Eintrag Nr. 29/2022
Datum:


Dr. Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte in Augsburg und Regensburg. (Fotos: HdBG)
Dr. Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte in Augsburg und Regensburg. (Fotos: HdBG)

Im Magazin "Ois anders" geht es um Großprojekte in Bayern von 1945 bis 2020. Ein Kapitel ist auch dem Nationalpark Bayerischer Wald gewidmet.
Im Magazin "Ois anders" geht es um Großprojekte in Bayern von 1945 bis 2020. Ein Kapitel ist auch dem Nationalpark Bayerischer Wald gewidmet.

Grafenau. Seit dem vergangenen Jahr ist der Nationalpark Bayerischer Wald auch für das Haus der Bayerischen Geschichte von besonderem Interesse. Einige Exponate wanderten schon ins Depot nach Regensburg, darunter ein Holzwürfel, der zum 50-jährigen Bestehen des Schutzgebietes angefertigt wurde. Warum es Dr. Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte in Augsburg und Regensburg, freut, dass Nationalpark und Haus der Bayerischen Geschichte nun eng zusammenarbeiten, erzählt er im Interview.

Sie betonen immer wieder, dass Sie sich als Waidler fühlen. Aber Sie sind doch in Hengersberg aufgewachsen?

Ja, im „Tor zum Bayerischen Wald“. Ich glaube, ich bin der erste Hengersberger, der von sich sagt, er sei ein Waidler. In Hengersberg identifizierte man sich zu meiner Zeit nicht als Teil des Bayerischen Waldes. Das hat insofern einen wahren Kern, da das Land unmittelbar an der Donau schon viel früher besiedelt war als der eigentliche Wald. Geographisch ist es natürlich ein Schmarrn. Je länger ich von daheim weg war, umso mehr bin ich zum bekennenden Waidler geworden. In München und sonst im Land hat mir das auch jeder abgenommen. In Regensburg bin ich dann bei einem meiner ersten Auftritte tatsächlich darauf hingewiesen worden, dass ich aus Hengersberg komme und deshalb kein Waidler sei. Blödsinn, wieso soll ich keiner sein dürfen? Wenigstens für mich habe ich das seit langem beschlossen und aus.

Wie lebt es sich dann in Regensburg?

Wenn es nur Regensburg wäre! (Lacht.) Das Haus der Bayerischen Geschichte hat mit Augsburg und Regensburg zwei Sitze. Der Direktor muss an beiden Orten präsent sein. Im Wittelsbacher Land bei Augsburg bin ich seit Jahren auch daheim. Mein früherer Chef, Minister Dr. Heubisch, hat mir aber prophezeit, dass es mich irgendwann mit zunehmendem Alter wieder in die alte Heimat zurückziehen wird. Und er hat sich gefreut, dass das über das neue Museum in Regensburg dann auch leicht gehen würde.

Welches ist Ihre erste Erinnerung, die Sie mit dem Nationalpark Bayerischer Wald verbinden?

Keine gute. Wir waren eine Familie von Metzgermeistern, aber auch Waldbauern. Als der Nationalpark mit dem Borkenkäferbefall am Lusen traurige Berühmtheit erlangte, waren wir natürlich interessiert und sind hingefahren. Ich seh die toten Bäume noch vor mir. Das war ein Kulturschock, das hat keiner verstanden. Wir haben in den 1990er Jahren dann die Auseinandersetzungen um den Nationalpark bei den großen Diskussionen im Bayerischen Fernsehen verfolgt. Mein Vater war zwar Denkmalschützer, mit dem Nationalpark aber hat er es lange nicht gehabt. Ich war schon deshalb dafür, weil er dagegen war. Langsam hab ich mir dann als Befürworter eine fundiertere Meinung gebildet. Das hat man daheim dann auch respektiert. Der Bub war halt ein Gstudierter, da hast nichts machen können.

Jahrzehnte später haben Sie den Nationalpark in Ihrem Magazin „Ois anders“ als größten Segen für das Land nördlich der Donau bezeichnet. Warum?

Stellen Sie sich vor, wie der Bayerische Wald aussehen würde ohne den Nationalpark. Es reicht ja schon zu sehen, was der bescheidene Aufschwung der 1950er und 1960er Jahre an den Ortsbildern und in der Kulturlandschaft an Schaden hinterlassen hat: Im Vorderen Bayerischen Wald sind außerdem die Schneisen der jüngeren Gewerbegebiete deutlich zu erkennen. Genauso sähe der gesamte Bayerische Wald aus. Von daher ist für mich der Nationalpark eine der ganz großen bayerischen Heldentaten.

Eignet sich der Nationalpark für Sie als Denkmal der Zukunft?

Denkmäler setzt man historischen Erscheinungen, die an ihrem Endpunkt angelangt sind. Der Nationalpark steht erst am Anfang.

Am Anfang von was?

Ich sehe eigentlich Chancen über Chancen. Ich erwarte vom Nationalpark und von der ganzen Region viel mehr als das Bewahren des Status quo. Es geht darum, den Naturraum in die Zukunft zu führen, zu erweitern, über die Grenzen zu gehen. Ich hoffe auf den großen bayerisch-tschechisch-österreichischen Nationalpark, die grüne Lunge Zentraleurobstverständlich energieautark, Entwicklungsstätte für neue Techniken, für sanften Tourismus, für die Verbindung von Kultur und Natur. Zurück in die Gegenwart.

Das Museum der Bayerischen Geschichte hat um einen Jubiläumswürfel des Nationalparks gebeten. Warum ist dieser interessant?

Wir dokumentieren, was durch Corona alles ins Wasser gefallen ist. Das Nationalpark-Jubiläum war ja auch stark betroffen. Vielleicht ist das für spätere Generationen, denen hoffentlich Corona und Ähnliches erspart bleibt, wichtig und notwendig. Sie können sich durch solche Objekte die Folgen bewusstmachen.

Wann wird der Würfel ausgestellt?

Wir haben unsere Dauerausstellung im Museum 2019 eröffnet. Sie ist nach Generationen gegliedert. Bei der letzten Generation haben wir uns aber zurückgehalten, weil wir Historiker gerne ein paar Jahre Distanz zwischen den Zeitabschnitt, den man behandelt, und die eigene Zeit bringen. Vieles lässt sich erst im entfernteren Rückblick richtig einordnen. 2027 wird es dann aber anstehen, die Generation 2000/2025 auszustellen. Und dann könnte Corona mit dem Nationalparkwürfel eine Rolle spielen.

Gibt es einen Lieblingsplatz, den Sie im Nationalpark haben?

Ganz ehrlich, meine Lieblingsplätze erarbeite ich mir gerade. Erst seit wenigen Jahren fahr ich jedes Jahr in den Wald und marschier auf einen Berg.

Leibl statt Loibl – was würden Sie tun, wenn Sie einen Tag Nationalparkleiter wären?

Versuchen, möglichst kein Unheil anzurichten.

Was würden Sie Herrn Leibl umgekehrt für den einen Tag als Museumsleiter empfehlen?

Versuchen, möglichst kein Unheil anzurichten.

Der Artikel ist in der Frühjahrsausgabe 2022 der Zeitschrift "Unser wilder Wald" erschienen. Das Heft gibt es auf der Homepage des Nationalparks Bayerischer Wald zum Download. 

 

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