"Wenn du Spaß an der Arbeit hast, weißt du: Das ist das Richtige"

Laura Dageförde (19) über ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr im Nationalpark Bayerischer Wald

Eintrag Nr. 10/2019
Datum: 15.04.2019


Laura Dageförde beim Start einer Kinderführung durch das Tier-Freigelände bei Neuschönau. Foto: Fabian Wirth
Laura Dageförde beim Start einer Kinderführung durch das Tier-Freigelände bei Neuschönau. Foto: Fabian Wirth

Neuschönau.  „Da liegt der Bär!“, ruft der kleine Junge und lässt vor Aufregung seinen blauen Schulranzen auf den Wanderweg fallen, ehe er zum Gehege läuft. Er muss seinen Freunden unbedingt den Bären zeigen. Aufgeregt wuseln sogleich viele kleine Knirpse mit ihren bunten Rucksäcken am Geländer des Geheges umher. Dicht an das Stahlgitternetz gedrängt versucht jeder, einen Blick auf Bärendame Luna zu erhaschen, die gerade in der Mittagssonne ein Nickerchen macht.

Es stört sie nicht, dass 20 Meter weiter die Kinder toben. Wenn da nicht die kleinen, runden Ohren an dem zotteligen, runden Körper hervorragen würden, könnte man die Bärin ohnehin auch für einen dunklen Felsen zwischen den dunkelgrünen Fichten in dem weitläufigen Gehege halten. Für die meisten Kinder der vierten Klasse aus dem Landkreis Passau ist es an diesem frühlingshaften Dienstagmorgen ihr allererster und daher umso spannenderer Besuch im Tier-Freigelände des Nationalparks Bayerischer Wald bei Neuschönau. Während der Duft frisch austreibender Gräser und Bäume den weiten Wald erfüllt und das Gelände für die Kinder zu einem riesigen Abenteuerspielplatz werden lässt, behält Laura Dageförde dabei den Überblick über die Gruppe. Gelassen und mit zufriedenem Blick steht sie mit ihrer Kollegin etwas abseits der Meute und beobachtet das Geschehen.

Die 19-Jährige Abiturientin aus Grafenau absolviert seit dem 1. September vergangenen Jahres ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr im Jugendwaldheim des Nationalparks Bayerischer Wald und führt regelmäßig Gruppen mit Kindern und Jugendlichen durch die Natur in Deutschlands ältestem Nationalpark. Wie so viele Mitschüler in ihrem Alter wusste auch sie nicht genau, welchen Weg sie nach dem Abitur einschlagen sollte. „Andere haben dann einfach irgendein Studium begonnen, aber das wollte ich nicht.“

Und so entschied sich Laura spontan für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) beim Nationalpark Bayerischer Wald in ihrer Heimat. „Ich find’s gut, dass man mal den Arbeitsalltag kennenlernt“, meint sie. Die Zeit für Berufsorientierung sei in der Schule schließlich recht rar gewesen. Für sie hat sich das Freiwillige Ökologische Jahr daher als ein Glücksgriff herausgestellt. „Wenn du nach einem Jahr immer noch Spaß an der Arbeit hast, dann weißt du: Das ist das Richtige.“

„Ich hätte mir früher nie vorstellen können, mit Kindern zu arbeiten.“  Diesen Satz erwartet man nicht, wenn man die junge Frau bei ihrer Arbeit begleitet. Was sofort auffällt, ist ihre Souveränität beim Umgang mit den Kindern. Während sie der Gruppe das Konzept des Tier-Freigeländes erklärt, lauschen die Kleinen aufmerksam. Erst im Laufe ihres FÖJ wurde ihr bewusst, dass ihr die pädagogische Arbeit viel Freude bereitet. „Man wächst hinein.“, kommentiert sie die verantwortungsvolle Aufgabe.

In der letzten Reihe meldet sich dann noch ein Mädchen und fragt nach den Wildpferden. Laura schmunzelt, erklärt dem Mädchen, dass sich die Wildpferde in dem anderen Nationalparkzentrum bei Ludwigsthal befinden. Sie kennt ihren Arbeitsplatz mittlerweile schon in- und auswendig, so scheint es. „Unsere Arbeit hier ist eigentlich auch ein soziales Jahr“, erklärt Laura mit Verweis auf den pädagogischen Anspruch in der Umweltbildung des Nationalparks. Ihr Tagesablauf reicht von morgendlichen Teambesprechungen über Freizeitprogramme für die Kinder im Jugendwaldheim bis hin zu Führungen in der Natur, wie an diesem Tag. Es ist ein Arbeitsplatz zwischen Büro und Lagerfeuer.

Begleitet von einem Orchester zwitschernder Vögel geht die 19-Jährige mit ihrer Gruppe vorbei an knorrigen, alten Buchen und Nadelbäumen. „Was ist das für ein Baum?“, fragt Laura in die Runde und deutet dabei auf einen meterhohen, verzweigten Wurzelteller, der weit in die Luft ragt. „Fichte!“, ertönt es sogleich aus der Kindergruppe heraus. Die Kinder erklären sogar, woran sie das erkennen. Dass der Bildungsauftrag hier einen hohen Stellenwert einnimmt, wird spätestens jetzt klar.

Laura erzählt später von Geocaching in der Wildnis, einem kindgerechten Fledermausmonitoring-Projekt und auch der spielerischen Vermittlung von komplexen wissenschaftlichen Inhalten wie dem Lotuseffekt bei Pflanzen oder der Funktion von Ökosystemen. Dass dabei nicht immer alle Kinder sofort mit Begeisterung teilnehmen, scheint Laura bei ihrer Arbeit noch anzuspornen: „Es ist schön, wenn man Kinder, die anfangs keine Lust hatten, für etwas begeistern kann.“ 

Bevor sie ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr abschließt, möchte sie noch die Ausbildung zur Waldführerin im Nationalpark absolvieren. Wie viel Wissen und Können hinter dieser Aufgabe steckt, bemerkt man als Außenstehender erst, wenn man sich einmal mit einem dieser Fachkundigen unterhalten hat. „Es ist doch aufwändiger, als ich gedacht hätte“, kommentiert sie. Ihrer zukünftigen beruflichen Orientierung kommt dies aber auch zugute: Lehramt für Sonderpädagogik schwebt der 19-jährigen vor. Dass sie so eine klare Vorstellung von ihrer beruflichen Zukunft hat, verdankt sie selbst ihren Erfahrungen aus den vergangenen Monaten.

Gegen Ende der Tour zieht die junge Frau Bilanz aus ihrem bisherigen FÖJ. „Ich bereue es überhaupt nicht, da es mir wirklich viel gebracht hat“, sagt sie in Hinblick auf ihre späteren Berufsziele. Nach all den Eindrücken und Erlebnissen im Tier-Freigelände sind nun auch die Kinder bereit für die Mittagspause. In Sichtweite taucht das Hans-Eisenmann-Haus zwischen dem grünen Meer an Bäumen auf. Für Laura geht der Ausflug mit den Kindern noch einige Stunden weiter. Sie blickt jedoch zufrieden in die Runde, lächelt. Man merkt, dass sie nach fast einem Jahr immer noch Spaß an ihrer Arbeit hat.

 

Text: Fabian Wirth

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