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Mehr tun als nur die Pflicht

Ex-Landtagspräsident Alois Glück erinnert sich im Interview an die Gründungszeit des Nationalparks

Eintrag Nr. 03/2020
Datum:


Ex-Landtagspräsident Alois Glück. Foto: privat
Ex-Landtagspräsident Alois Glück. Foto: privat

Grafenau. Für Alois Glück ist Naturschutz nicht nur politische Verpflichtung, sondern eine Herzensangelegenheit. Mit Blick auf den momentanen Zustand der Welt hofft der Ex-Landtagspräsident, dass wir endlich umdenken. Und einander zuhören. Ein Gespräch:

Sie sind auf einem Bauernhof aufgewachsen, haben schon als Kind viel Zeit in der Natur verbracht. Was sind Ihre schönsten Erinnerungen an damals?
Alois Glück: Als Kind war die Natur halt Spielplatz, vor allem die Höhlen im Hang zur Traun. Mit Beginn der Arbeit in der Landwirtschaft ging es aber nicht um die Schönheit. Landschaft als Erholungslandschaft war gesellschaftlich kein Thema. In der landwirtschaftlichen Ausbildung haben wir gelernt, dass der Wert des Bodens, der Nutzfläche, sich nach der Ertragskraft richtet. Flächen ohne Ertrag waren „Ödland“. Und dann kamen „die Naturschützer“ und erklärten, dass das besonders wertvolle Flächen sind. Mit dieser Erfahrung konnte ich später als Umweltpolitiker die Reaktionen der Landwirte besser verstehen und damit auch Brücken der Verständigung bauen.


1970, Sie waren gerade 30, haben Sie das vom Europarat proklamierte erste Europäische Naturschutzjahr mitgestaltet und den Aufbruch im Natur- und Umweltschutz quasi mit ausgelöst. Was waren die Forderungen, was die Ziele?
Alois Glück: Für die Entwicklungsgeschichte ist bedeutsam, dass zeitgleich der Denkmalschutz und der Naturschutz zum gesellschaftlichen und politischen Thema wurden. In beiden Fällen entwickelte sich die Einsicht, dass im Rahmen des Wiederaufbaus in den Städten die Modernisierung einen ungeheuren kulturellen Schaden anrichtet. Für die Landschaft entwickelte sich in ähnlicher Weise der Schutzgedanke als Abwehr des völlig gedankenlosen Umgangs mit der Natur. Der Naturschutz war ausschließlich Schutzgedanke, Schutz der Heimat. Von Ökologie und den Zusammenhängen im Naturhaushalt war damals noch nicht die Rede. Das kam erst einige Jahre später.

"Die Pioniere des Naturschutzes waren unbequem, aber die Quelle von Innovationen"

Im Geburtsjahr der modernen Umweltbewegung wurde auch der Nationalpark Bayerischer Wald aus der Taufe gehoben. Mit welchen Gefühlen haben Sie, gerade frisch in den Bayerischen Landtag gewählt, die Gründung des ersten deutschen Großschutzgebiets mitverfolgt?   
Alois Glück: Der politische Pionier dieser Zeit für die Landwirtschaft, für die Entwicklung der ländlichen Räume und für die Forstwirtschaft war der damalige Landwirtschafts- und Forstminister Dr. Hans Eisenmann. In der Agrarpolitik formulierte er im Rahmen des Bayerischen Landwirtschaftsförderungsgesetzes von 1969 den Erhalt und die Pflege der Kulturlandschaft als Aufgabe der Landwirtschaft. Die Reaktionen der Landwirtschaft waren negativ. „Wir sind der Nährstand, wir ernähren das Volk“ – Landschaftspflege, das war eine Abwertung des Bauernstands, war dem gegenüber gewissermaßen eine mindere Leistung, eine Aufgabe für den öffentlichen Dienst. Die Errichtung des ersten Nationalparks in Deutschland war ebenso die große Pionierleistung von Hans Eisenmann. Aus Überzeugung, mit Weitsicht und Mut handelte er dabei ständig gegen den waldbaulichen und jagdpolitischen Kurs seiner Staatsforstverwaltung. In dieser Zeit begann auch die große Auseinandersetzung um die Jagd, das Ringen um die Priorität „Wald vor Wild“. Diese Auseinandersetzungen gab es auch im Landtag, aber die Autorität und Weitsicht von Hans Eisenmann haben sich durchgesetzt. Persönlich bekam ich viele Impulse durch die Mitarbeit im Bund Naturschutz und den Austausch mit Hubert Weinzierl und anderen Pionieren des Naturschutzes. Sie waren für uns in der Politik sehr unbequem, aber die Quelle der Innovationen, mit denen Bayern auch Pionier in der Umweltpolitik in Deutschland und Europa wurde.


Sie haben den Nationalpark Bayerischer Wald in den vergangenen fünf Jahrzehnten mehrfach besucht. Mit welchen Eindrücken sind Sie jeweils wieder abgereist?
Alois Glück: Die Veränderungsprozesse in der Natur waren eindrucksvoll und ein ständiger Lernprozess. Die Erfahrungen mit den Auseinandersetzungen vor Ort und in der Region, vor allem die sehr aggressiven Attacken gegen die Verantwortlichen dieser Zeit, zum Beispiel gegen Hans Bibelriether, waren bedrückend.


Nach dem erfolgreichen Volksbegehren „Rettet die Bienen“ moderierten Sie im Frühjahr 2019 den Runden Tisch zum Artenschutz – und brachten teils erbitterte Kontrahenten zusammen. Was war dabei Ihre größte Herausforderung?
Alois Glück: Der Zeitdruck durch die knappen Fristen der Bayerischen Verfassung zur Entscheidung über Annahme oder Ablehnung des Volksbegehrens war das größte Problem. Er hat die Beratungen und die Anforderung an die Leitung extrem geprägt. Entscheidend war die erste Phase: dass die verschiedenen Gruppierungen bereit waren, einander zuzuhören. Da gibt es einige Schlüsselszenen, so wurden Feindbilder abgebaut und Gemeinsamkeiten entdeckt. Alles beginnt mit der Bereitschaft, zuzuhören. Das war dann aber auch gleichzeitig eine sehr erfreuliche Erfahrung.

"Die Welt wird immer mehr eine Schicksalsgemeinschaft"

Macht Ihnen der momentane Zustand der Welt Sorgen?
Alois Glück: „Die Welt ist aus den Fugen geraten!“ Diese immer wieder gebrauchte Formulierung beschreibt wohl sehr zutreffend die Entwicklungen des vergangenen Jahrzehnts. Die Klimaveränderungen ängstigen nun immer mehr Menschen und es wird täglich mehr deutlich, dass wir seit mehr als 30 Jahren die entsprechenden Informationen und Kenntnisse verdrängt haben und deswegen umso mehr in Bedrängnis kommen. Die Welt wird immer mehr eine Schicksalsgemeinschaft – das bequeme Leben in einem exportstarken Land, das seinen Wohlstand in der Welt verdient und ansonsten von den Problemen dieser Welt nicht betroffen ist, ist endgültig vorbei. Das gilt nicht nur für das Klima, es gilt auch für viele andere Entwicklungen. Die Veränderung zeigt sich exemplarisch darin, dass sich die bis vor kurzem gängige Parole „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben“ verwandelt hat in die Sorge „Wie wird die Zukunft unserer Kinder und Enkel?“


Sie sind ausgebildeter Agrar- und Umweltjournalist. Gibt es aktuell ein Thema, über das Sie am liebsten selbst berichten möchten?
Alois Glück: Die Situation und die Zukunftsperspektiven unserer Landwirtschaft, die Wechselwirkungen zwischen Landbewirtschaftung und Forstbewirtschaftung sowie die Auswirkungen auf die Natur beschäftigen mich gegenwärtig sehr. Vor allem auch, weil damit viele menschliche Tragödien in unseren Bauernfamilien verbunden sind. Die Gefahr ist groß, dass sie zwischen den Anforderungen der Märkte und den Erwartungen der Gesellschaft zermürbt werden.


Nicht nur der Nationalpark Bayerischer Wald, auch Sie feiern 2020 ein rundes Jubiläum. Was wünscht ein 80-Jähriger einem 50-Jährigen?
Alois Glück: Die Bereitschaft und den Mut, sich zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen. Mehr denn je gilt die Formulierung von Hans Balser: „Die Welt lebt von den Menschen, die mehr tun als ihre Pflicht.“

 

Dieser Artikel stammt aus der neuesten Ausgabe des Nationalpark-Magazins "Unser Wilder Wald". Das komplette Heft können Sie in unserem Download-Bereich (Link) als PDF-Dokument herunterladen.

 

Interview: Alexandra von Poschinger

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