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Daten aus dem Unterholz

Unterwegs mit drei Gewässer-Jung-Forscherinnen des Nationalparks Bayerischer Wald

Eintrag Nr. 25/2018
Datum:


Auf der To-do-Liste der Jungforscherinnen steht etwa die Erfassung der Fließgeschwindigkeit von Gewässern. Foto: Johannes Keim
Auf der To-do-Liste der Jungforscherinnen steht etwa die Erfassung der Fließgeschwindigkeit von Gewässern. Foto: Johannes Keim

Die verschiedensten Messgeräte werden für die Gewässerforschung benötigt. Foto: Johannes Keim
Die verschiedensten Messgeräte werden für die Gewässerforschung benötigt. Foto: Johannes Keim

Am - und wenn es sein muss natürlich in Gummistiefeln auch im Bach - werden die Messreihen durchgeführt. Foto: Johannes Keim
Am - und wenn es sein muss natürlich in Gummistiefeln auch im Bach - werden die Messreihen durchgeführt. Foto: Johannes Keim

Drei Monate lang war Johannes Keim aus Passau Praktikant in der Pressestelle des Nationalparks Bayerischer Wald. In dieser Zeit hat er nicht nur gelernt, wie man Pressemitteilungen schreibt und dazu passende Fotos macht. Manche Außentermine im wilden Nationalpark-Wald haben ihm auch ganz besondere Einblicke beschert. Wie zum Beispiel seine Tour mit drei Jung-Forscherinnen.

Es ist kalt an diesem Herbstvormittag, als ich den vereinbarten Treffpunkt erreiche: eine fensterlose unscheinbare Hütte am Wegesrand, direkt an der Großen Ohe.  Ein Holzschild mit der Aufschrift „Pegelhäuschen“ hängt an der Mauer. Und ein Schaukasten.  Blätter, auf denen Forschungsergebnisse vorgestellt werden, hängen darin. Sie sollen die Wanderer, die hier vorbeikommen, darüber informieren, was hier erforscht wird: Es geht um Hydrologie, um die Lehre vom Wasser. Was das in der Praxis bedeutet, wollen mir drei Jungforscherinnen zeigen.

Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass ich zu früh dran bin. Während ich auf die Doktorandinen Katharina Blaurock, Maria Paula da Silva und deren Helferin Flora Märki warte, steigt meine Anspannung. Heute ist tolles Wanderwetter. Aber die kalte, gute Waldluft, die warme Sonne und den Anblick der bunt gefärbten Laubbäume vor einem blauen Himmel kann ich gar nicht genießen. Zu viele Gedanken gehen mir durch den Kopf. Ich bin gespannt darauf, diese Menschen und ihre Arbeit genauer kennenzulernen. Welche Messgerätschaften werden sie wohl verwenden? Wo nehmen sie welche Proben? Und wozu sind diese Ergebnisse dann überhaupt gut? Konzentriert gehe ich alle Fragen durch, die ich mir noch im Büro auf meinen Notizblock geschrieben habe. Als mich plötzlich ein fernes „Hallo?“ aus meinen Gedanken reist.   Das kam aus Richtung Wald. Und dort tauchen dann auch drei junge Frauen in wetterfester Kleidung auf, mit großen Rucksäcken und einem freundlichen Lächeln auf dem Gesicht.   Ich winke ihnen zu und gebe zu verstehen, dass ich der Praktikant der Pressestelle bin und kein eingefrorener Wanderer.

Katharina Blaurock, Maria Paula da Silva und Flora Märki stellen sich vor. Sie sind nicht so viel älter als ich und alle auf Anhieb sympathisch. Das Eis ist schnell gebrochen. Dass die drei in ihrer Konversation zwischen Deutsch und Englisch wechseln, ist kein Problem. Meinem Studium sei Dank.  Doch dann haben wir genug geredet, mit dem Auto geht es ins Gelände. Feldforschung steht auf dem Programm – sehr gut!

Im Auto der drei jungen Frauen stapeln sich Messgeräte, Kartons, Taschen sowie andere Gerätschaften.  Katharina startet den Motor und dann geht es über den holprigen Weg zu den Messstellen.  Die Gläser, die im Auto verstaut sind und mit denen später Wasserproben genommen werden, klirren.  Unter den Forscherinnen ist Englisch weiterhin die Sprache der Wahl und erst jetzt werde ich darüber aufgeklärt, warum.  Maria da Silva ist aus Brasilien. Englisch verstehen sie alle drei. Außerdem ist es unter Forschern gängig, in dieser Sprache zu kommunizieren. Vor allem auf der internationalen Ebene. Katharina steuert das fahrende Labor die Diensthüttenstraße hinauf, bis sie an einem unscheinbaren Forstweg ruckartig nach links einschlägt. Das leise Klirren der Gläser wird zu einem lauten Klappern, als wir in einen mit groben Schotter bedeckten Waldweg einbiegen.  

Nach weiteren 500 Metern in Schrittgeschwindigkeit kommt das Auto zum Stehen und wir steigen aus. In der Ferne kann ich bereits den Bach rauschen hören, ansonsten ist es still. Die Herbstsonne scheint durch das Laub der Buchen am Wegesrand und ein seichter Windhauch treibt mir den Geruch von Moos und feuchter Rinde in die Nase. Die Wissenschaftlerinnen entladen und prüfen die Geräte – ich prüfe die Kamera.  Dann schließt Katharina den Kofferraum mit den Worten: „Ich hol die Updates“ und verschwindet im Dickicht des Urwaldes. Maria und Flora steuern auf eine Lichtung zu, von der aus man das Bachbett des Hinteren Schachtenbachs erreicht. Fichten und Buchen findet man hier, stehend und liegend, tot und lebendig -  darunter das im Herbst golden aussehende Gras und Gestrüpp.  Maria setzt sich ins Gras und zieht ihre Gummistiefel an, ehe sie, mit einem Messgerät in der Hand im Bachbett verschwindet. Bei der Apparatur handelt es sich um eine Stange, ähnlich einem Skistock, an dessen oberen Ende ein etwa zwei Meter langer Schlauch in eine kastenförmige Apparatur mit Display mündet. Als nächstes lässt sich Maria ein Maßband reichen, das sie quer über den Bach spannt. Ich erfahre, dass hier die exakte Fließgeschwindigkeit in verschiedenen Breiten des Gewässers gemessen wird. Flora erklärt mir den Sinn dieser Messung. Während ich ein Foto mache, versuche ich, das eben gehörte zu begreifen. Anschließend trägt Flora alle Werte in ein Notizbuch ein. Nach etwa 15 Minuten sind die Daten aufgenommen und Katharina erscheint auf der Lichtung – mit zwei weiteren Messgeräten, mit Kabel und Sensoren ausgestattet.  Die Apparatur hängt sie an der gleichen Stelle ins Wasser. „Wir messen hier den PH-Wert, die Temperatur und die elektrische Leitfähigkeit des Wassers“, erklärt Katharina.

Doch wozu wird der ganze Aufwand betrieben? „Wir sammeln im Rahmen unseres Forschungsprojektes Informationen zu gelöstem organischen Kohlenstoff im Wasser“, sagt Katharina.  „Dieser Kohlenstoff stammt aus der Biomasse der Pflanzen und gelang durch die Niederschläge in die Gewässer.“ Untersucht werde zum Beispiel, wo genau diese Kohlenstoffe vorkommen oder wie ihr Transport vonstattengeht – auch zum Beispiel während eines Hochwassers. Ebenso soll im Rahmen der Projektgruppe geklärt werden, wie die Konzentration dieser Stoffe die Artengemeinschaft in den Fließgewässern beeinflusst. Die Auswertung erfolgt dann spätestens im Jahre 2020. Bis dahin ist noch viel zu tun. Am Ende wollen die beiden Doktorandinen auch ihre Abschlussarbeit zu dieser Thematik fertig haben.

Nach der ausführlichen Erklärung ihrer Arbeit werden abschließend noch Wasserproben genommen. Alle Labor-Flaschen werden mit den genauen Koordinaten des Standortes beschriftet, ehe sie in einem der Kartons verschwinden. „Gehst du noch mit zu den anderen Stellen?“, fragt mich Katharina. Natürlich bin ich dabei, ohne zu wissen, was mich erwartet. Katharina holt ein GPS Gerät aus ihrem Rucksack, in dem die exakten Positionen der ausstehenden Messpunkte gespeichert sind. Es kann weitergehen – zu Fuß, versteht sich. Die drei jungen Frauen zeigen wir, welche Strecke sie jeden Monat zurücklegen, um die notwendigen Proben nehmen zu können.

Wir quetschen uns zwischen dichtstehenden Fichten und Gebüsch hindurch, steigen über verrottende Stämme und Heidelbeergestrüpp hinweg auf die markierte Stelle zu. Die Dornen der Brombeere hängen sich an unseren Jacken fest.  Über Stock und Stein klettern wir dann am Bach entlang.

Der Ort, an den wir gelangen, ist die Strapazen wert: eine kleine Lichtung im Wald, am Hang gelegen und vom Bergbach durchschnitten. Die Sonne taucht die Szenerie in ein beinahe künstlich anmutendes Licht. Ein kleiner Wasserfall ist zu sehen, der dann in den Bachverlauf mündet. Baumstämme spannen sich wie Brücken über das Gewässer – ein Paradies für Moose, Flechten und Pilze. Ich halte inne und betrachte das natürliche Gemälde.   Was mich fasziniert, ist für die drei Forscherinnen nichts Besonderes. Sie sind im Auftrag der Wissenschaft unterwegs und nehmen weitere Proben.  Weiter geht die Kletterpartie durch den Urwald. Es folgen noch vier weitere Stationen, die letzte am Fuße einer aufgegebenen und verfallenen Brücke.  Doch dann sind die Werte aufgenommen und auch die letzten Proben im Rucksack verstaut. Unser Pfad im Urwald ist eine Sackgasse, sodass uns nichts Anderes übrigbleibt, als den vorherigen Weg erneut zurück zu gehen.

Auf dem Rückweg denke ich noch einmal an mein Treffen mit den Forscherinnen. Sie haben mir eine völlig neue Welt gezeigt. Eine Natur, die ich so nicht kannte. Viele Schlagworte, die mir Katharina, Maria und Flora mit auf den Weg gegeben haben, gehen mir jetzt durch den Kopf: Klimawandel, saurer Regen, Ökosystem, Urwald. Und dann bin ich auch schon wieder zurück – im Büro. Allerdings mit einer neuen Begeisterung, und zwar für die Forschung im Nationalpark. Was mich an den Projekten im Nationalpark fasziniert, ist das Nebeneinander von wilder Natur und geregelter Forschung. 

Das Wilde messbar machen, um es zu verstehen und dadurch zu schützen. Auch das macht den Nationalpark aus.

Text: Johannes Keim

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