Der NATUR wieder mehr RAUM geben
Moore und Bäche im Fokus: Wie laufen Renaturierungen im Nationalpark ab?
Eintrag Nr. 09/2026
Datum: 12.03.2026
Grafenau. Natur Natur sein lassen. Das ist das Motto im Nationalpark Bayerischer Wald. Doch nicht überall ist
dieser strikte Prozessschutz tatsächlich die beste Wahl. Warum? Weil der Mensch vielerorts irreversible Veränderungen herbeigeführt hat. So gibt’s auch im Schutzgebiet immer wieder aktive Naturschutzmaßnahmen. Eine Bestandsaufnahme.
Schon lang bevor das Gebiet zwischen Falkenstein, Rachel und Lusen zum Nationalpark erklärt wurde, haben Menschen die Landschaft geprägt. Zwei Methoden haben dabei besonders langfristige Spuren hinterlassen. Moore wurden entwässert, um sie forstlich zu nutzen. Und Bäche wurden begradigt, um die Holztrift zu optimieren. „Im Gegensatz zu Wäldern ist bei stark veränderten Bächen und Mooren vielerorts zu beobachten, dass sie ohne Starthilfe wohl nicht zum Naturzustand zurückkehren werden“, erklärt Tobias Windmaißer, der im Nationalpark zusammen mit seiner Kollegin Dr. Verena Riedinger für den Bereich Naturschutz zuständig ist. „Wir versuchen deswegen, wo es geht, einen abermals menschengemachten Anstoß zu geben, damit die Lebensräume sich wieder in Richtung ihrer natürlichen Form entwickeln können. Eine schöne Aufgabe“, wie Verena Riedinger findet.
Ein Dutzend Fließgewässer und 200 Hektor Moorflächen bereits ökologisch aufgewertet
Dieses Vorgehen ist sogar rechtlich gefordert. Denn der Nationalpark ist Teil des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000. Nicht nur deswegen sehen auch die Nationalparkverordnung und die Nationalparkpläne explizit ein aktives Eingreifen vor. Bei Bächen und Mooren kommen dabei vor allem zwei Methoden zum Einsatz: Einst geschaffene Verbauungen der Ufer werden entfernt, um eine natürlich Fließdynamik zu ermöglichen. Und früher in die Böden gehauene Entwässerungsgräben werden verschlossen, um das Wasser in den Moorbereichen zu halten. Auf diese oder ähnliche Weise wurden in den vergangenen 40 Jahren unzählige Teilabschnitte an gut einem Dutzend unserer Fließgewässerläufe renaturiert sowie rund 200 Hektar Moor und Moorwälder ökologisch aufgewertet. Der Großteil der Verbesserungen hat sich in den Managementzonen am Rand des Schutzgebiets abgespielt. In den Naturzonen wird nur nach ausgiebiger Prüfung eingegriffen.
„Aktuell sind wir dabei, einen Plan für die Fließgewässer zu schmieden“, sagt Verena Riedinger. „Wir schauen, wo es noch Defizite gibt und identifizieren Bachabschnitte, in denen ein Eingreifen besonders viel Erfolg verspricht.“ Bei umfangreicheren Maßnahmen ist dabei die Abstimmung mit weiteren Fachstellen, wie Wasserwirtschaftsamt oder der Fachberatung für Fischerei, notwendig. Und auch der Denkmalschutz sitzt mit im Boot, denn gut erhaltene Triftanlagen werden auch im Nationalpark als kulturhistorische Zeugen erhalten. „Es ist also immer eine gewisse Abwägung unserer verschiedenen Ziele“, so Riedinger.
"Da braucht's etwas Geduld"
Beim Thema Moore wird der Nationalpark heuer wieder aktiv. Im Reschbachtal und im Tanzboden bei Neuschönau wurden zum Teil schon 2025 Moorflächen aufgelichtet, nun sollen die Entwässerungsgräben verfüllt werden. „Wir haben noch dutzende Hektar, die wir auf diese Weise angehen könnten“, berichtet Tobias Windmaißer. Deswegen erfolgt aktuell eine Priorisierung, eventuell sogar ein Förderprojekt. Zudem stehen dieses Jahr auch im Finsterauer Filz noch kleinere Auslichtungen an. „Und auch alten Dämme sind teils nicht mehr dicht, da müssen wir mittelfristig nochmal ran.“
Doch so schnell wie der Mensch oft Veränderungen herbeiführte, so langsam erholt sich die Natur. „Wir können nicht erwarten, dass menschliche Eingriffe, die jahrzehntelang auf Lebensräume und Arten gewirkt haben, über Nacht rückgängig gemacht werden können. Da braucht’s etwas Geduld“, erklärt Riedinger. „Und trotzdem ist es toll, wenn man an die Ausgangssituationen denkt und nach zwei, drei Jahren schon sieht, wie zum Beispiel das Wasser in die Moore zurückkehrt“, ergänzt Windmaißer. „Das ist eine Wahnsinnsmotivation.“
Info: Dieser Bericht stammt aus der Frühlingsausgabe des Magazins "Unser wilder Wald". Das komplette Heft ist auch im PDF-Format verfügbar.


