"Ohne den Nationalpark wäre ich heute kein Professor"

Interview mit Claus Bässler - Kooperationsvereinbarung mit der Universität Bayreuth unterzeichnet

Eintrag Nr. 08/2026
Datum:


Professor Claus Bässler im Watzlik-Hain im Nationalpark Bayerischer Wald. Fotos: Julia Reihofer
Professor Claus Bässler im Watzlik-Hain im Nationalpark Bayerischer Wald. Fotos: Julia Reihofer

Helmlinge (Mycena)
Helmlinge (Mycena)

Bayreuth/Zwieslerwaldhaus. Prof. Claus Bässler war 15 Jahre im Nationalpark Bayerischer Wald tätig, bis er sich dafür entschied, das dort angehäufte Wissen als Universitätsprofessor an Studierende weiterzugeben. Auch wenn er mittlerweile in Bayreuth lehrt, zieht ihn das Schutzgebiet weiterhin an - wie ein unsichtbares Myzel, mit dem er tief vernetzt und verbunden ist.

Sie sind der erste Pilzprofessor in Deutschland. Wie fühlt sich das an?

Claus Bässler: Genauer gesagt handelt es sich um die erste Professur für Pilzökologie. Ich freue mich besonders, weil die
Pilzökologie nun neben der etablierten Pflanzen- und Tierökologie als gleichwertige Disziplin sichtbar wird. Mein Ziel ist es, junge Menschen für Pilzökologie und Naturschutz auszubilden, sowohl für die Wissenschaft als auch für die Praxis. Die Rolle der Pilze für den Erhalt unserer Ökosysteme ist enorm und auch im Naturschutz besteht großer Aufholbedarf. Hier möchte ich meinen Beitrag leisten.

Hatten Sie schon immer Interesse an Pilzen?

Claus Bässler: In meiner Kindheit und Jugend war ich ein begeisterter Speisepilzsammler. Eigentlich interessierte ich mich damals aber viel stärker für Waldtiere und Pflanzen. Daraus entstand schon früh der Wunsch, Förster zu werden. Im Forststudium gab es dann nur eine Vorlesung zu „Waldschädlingen“, in der auch pilzliche Pathogene behandelt wurden – also Pilze, die Krankheiten verursachen können. Ich fand es zwar schon damals spannend, wie vielfältig Pilze unsere Waldbäume beeinflussen können, aber ihre enorme Diversität und ihre ökologischen Funktionen blieben mir damals noch verborgen.

Wie sind Sie letztendlich dann doch bei den Pilzen gelandet?

Claus Bässler: Tatsächlich kam ich erst im Nationalpark richtig zu den Pilzen, ich bin also ein Autodidakt in der Mykologie. Die Stellenausschreibung, auf die ich mich im Nationalpark bewarb, hatte eigentlich die „Abiotik“, also die Klimatologie und Bodenkunde, als Schwerpunkt. Ganz unten stand jedoch ein kleiner Zusatz mit dem Tenor, Pilzforschung wäre auch wünschenswert. Da es in diesem Bereich kaum Forschungen gab, geschweige denn ein Monitoring der im Nationalpark vorkommenden Pilzarten, begann ich mich einzuarbeiten, um das Thema aufzubauen.

War dies schwierig?

Claus Bässler: Es war natürlich anspruchsvoll, aber ich hatte Unterstützung. Zu Beginn nahm ich Kontakt zu Dr. Christoph Hahn auf, der wenige Jahre zuvor im Rahmen seiner Dissertation Pilze im Nationalpark erfasst hatte. Er war damals einer der besten Pilzkenner in Bayern. Ihm verdanke ich maßgeblich meine Faszination für die unglaubliche Vielfalt der Pilze. Ich konnte kaum glauben, dass Pilze in der Waldnaturschutzforschung in Deutschland zu dieser Zeit praktisch keine Rolle spielten. Das wollte ich unbedingt ändern – so entstanden die ersten systematischen und wissenschaftlich auswertbaren Erhebungen zur Pilzvielfalt.

Spielten damals Pilze auch im Nationalpark keine Rolle?

Claus Bässler: Im Vergleich zu Botanik und Zoologie war die Pilzforschung damals praktisch nicht vorhanden. Es gab weder ein Konzept noch konkrete Ziele für Forschung oder Monitoring im Bereich Mykologie. Auch gab es kein Personal, das dafür zuständig gewesen wäre. Die wenigen Arbeiten, die existierten, waren eher Zufallsprodukte und entstanden meist durch Impulse von außen, etwa von Universitäten. Auf diesen Erkenntnissen konnten wir aufbauen, indem wir neben systematischen Forschungsaktivitäten auch Tagungen und Expertenworkshops organisierten, um die Bedeutung des Parks für die Pilzdiversität stärker hervorzuheben.

Waren Sie derjenige, der die Pilzforschung im Nationalpark etabliert hat?

Claus Bässler: Mein Ziel war es zunächst, belastbare Daten über Pilze zu sammeln, um grundlegende Fragen beantworten zu können. Ich wollte die Nationalparkverwaltung dabei unterstützen, auch aus Sicht der Pilze fundierte Entscheidungen im Management zu treffen. Das war im Prinzip dann die Geburtsstunde des sogenannten „BIOKLIM-Projekts“, das erste großangelegte Biodiversitätsprojekt im Nationalpark. Zu Beginn standen Pilze und Gefäßpflanzen im Fokus, später auch andere Arten. Besonders zu Störungen und Totholz erhielten wir dann mit den Holzpilzen und Holzkäfern hervorragende Datensätze, mit denen wir dem Schutzgebiet national und international Aufmerksamkeit verschaffen konnten.

Wie hat Sie die Arbeit im Nationalpark geprägt?

Claus Bässler: Ganz klar: sehr stark. Am Anfang dachte ich, ich würde nur ein paar Jahre bleiben und dann wieder in ein Forstrevier wechseln. Doch der Nationalpark mit seinen einzigartigen Strukturen und den vielen offenen Fragen hat mich schnell in seinen Bann gezogen. So bin ich deutlich länger geblieben, als ursprünglich geplant, und ich wäre heute kein Professor, wenn es diesen intensiven Bezug zum Nationalpark nicht gegeben hätte.

Gibt es nach wie vor Verbindungen zum Nationalpark?

Claus Bässler: Ja, auf jeden Fall. Ich werde dem Nationalpark immer sehr dankbar sein, dass ich mich dort wissenschaftlich entwickeln  konnte. Es laufen nach wie vor mehrere gemeinsame Forschungsprojekte und wir planen auch künftig eine weitere Zusammenarbeit. Besonders glücklich bin ich über den jüngst unterzeichneten Kooperationsvertrag zwischen der Universität Bayreuth und dem Schutzgebiet. Gerne begleiten wir das Schutzgebiet weiterhin wissenschaftlich aus Sicht der Pilze und unterstützen im Naturschutzmanagement. Ich komme auch regelmäßig mit Studierenden, um ihnen direkt vor Ort die Bedeutung und die Möglichkeiten von Schutzgebieten zu vermitteln. Das geht meiner Meinung nach nirgendwo besser als im ältesten Nationalpark Deutschlands, mit seiner beeindruckenden Historie und Waldentwicklung.

Nochmal auf den Punkt gebracht: Was fasziniert Sie an Pilzen?

Claus Bässler: Ihre unglaubliche Diversität, die wir bis heute nicht annähernd vollständig erfassen können. Ihre vielfältigen  Erscheinungsformen, ihre versteckten Lebensweisen und vor allem ihre zentrale ökologische Rolle. Mit modernen molekularen Methoden können wir heute viel mehr über ihr oft kryptisches Leben lernen und das motiviert mich jeden Tag aufs Neue. 

 

Info: Dieser Bericht stammt aus der Frühlingsausgabe des Magazins "Unser wilder Wald". Das komplette Heft ist auch im PDF-Format verfügbar.

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