Auf ins neue Revier
Eine Luchs-Dame aus dem Tier-Freigelände Lusen macht sich auf den Weg nach Sachsen.
Eintrag Nr. 26/2026
Datum: 16.09.2026
Neuschönau. Geheimnisvoll, elegant und scheu – der Luchs fasziniert die Menschen seit jeher. Dennoch wurde das Pinselohr im Böhmerwald im 19. Jahrhundert verfolgt und galt lange als ausgestorben. Dank Auswilderungsprojekten gibt es mittlerweile eine stabile Population im bayerisch-böhmischen Grenzgebirge. Doch auch andernorts soll diese Art wieder einen Lebensraum finden, zum Beispiel im Erz- und Elbsandsteingebirge. Ziel ist es, dort bis 2027 rund 20 Luchse auszuwildern – und einer kommt aus dem Nationalpark Bayerischer Wald.
Susanne Klett hat an diesem Morgen kein Glück. Oder doch? Sie steht auf der Aussichtskanzel am Luchsgehege im Tier-Freigelände des Nationalparkzentrums Lusen. Von der einjährigen Luchs-Dame fehlt jede Spur, sie hat sich in dem weitläufigen Gehege zurückgezogen. „Besucher ärgern sich, wenn sie die Tiere nicht sehen, mich freut es in diesem Fall“, sagt die Tierärztin. Denn damit die Katze auf „erfolgreiche Mission“ gehen kann, muss sie scheu sein und sich vom Menschen abwenden. „Und genau das tut sie. Dieses Verhalten ist eine Voraussetzung dafür, dass sie ausgewildert werden kann.“
Behütet aufgewachsen und bereit für die Wildnis
Geboren wurde die Luchs-Katze im vergangenen Jahr im Tier-Freigelände vom Nationalparkzentrum Falkenstein nahe Ludwigsthal und war über Monate hinweg der Besucherliebling. Susanne Klett kann sich noch genau an die ersten Wochen nach der Geburt erinnern, in denen die Mama die insgesamt drei Luchsjungen gut versteckt gehalten hat. „Wir waren so froh, als sie eines Tages aus ihrem Versteck kamen und herumgetollt sind.“ Dass das Luchsmädchen nun für eine Auswilderung in Frage kommt, freut die Tierärztin noch mehr. Koordiniert werden solche Maßnahmen über das europaweite Erhaltungszuchtprogramm. Dort ist der Nationalpark seit Jahren schon ein wichtiger Partner. „Die Luchse wachsen in unseren großen Gehegen sehr naturnah und mit wenig Gewöhnung an Menschen auf“, erklärt Klett. „Dadurch sind sie besonders gut für Auswilderungen geeignet.“
Und das trifft auch auf die junge Luchsin zu. Im Frühjahr dieses Jahres wurde sie von ihrer Mutter getrennt. „Auch in freier Natur hätten sich die beiden zu etwa diesem Zeitpunkt voneinander verabschiedet.“ Danach ist sie ins Tier-Freigelände nach Neuschönau gezogen. „Dort haben wir sie weiter auf ein Leben außerhalb des Geheges vorbereitet, indem sie hauptsächlich Ganzkörper als Futter angeboten bekam, die sie sich alleine öffnen und einteilen musste.“
Doch damit ist es nicht getan. Damit die Luchskatze nach Sachsen „auswandern“ kann, benötigt sie einen intensiven Gesundheits-Check. Außerdem wird ihr ein Sende-Halsband umgelegt, damit ihre Bewegungen und Aufenthaltsorte auch später in freier Wildbahn registriert werden können. „Und dann kann es losgehen“, freut sich Susanne Klett.
Artenschutz mit langfristigem Ziel
Und auch Prof. Marco Heurich, Leiter des Sachgebietes Nationalparkmonitoring und Tier-Freigelände, ist sehr zufrieden, dass man nach längerer Zeit wieder einen Betrag zum Erhalt seltener Tierarten leisten kann. „Das Tier-Freigelände erfüllt neben seinem Bildungsauftrag natürlich auch einen Artenschutzauftrag“, so Heurich. „Wir helfen mit, die Population in Sachsen zu stabilisieren und die genetische Vielfalt zu fördern. Und das kommt letztendlich auch unserer Luchspopulation im Böhmerwaldökosystem zugute.“ Die große Hoffnung, die Heurich hat, ist, dass sich die Populationen irgendwann auf natürlichem Weg vermischen. „Das ist das große Ziel, isolierte Luchspopulationen zu verbinden und damit einen wichtigen Beitrag zu ihrem Schutz zu leisten.“
Die Luchse im bayerisch-böhmischen Grenzgebirge werden seit Jahren beobachtet. Mehr Infos gibt es im aktuellen Monitoringbericht.
INFO: Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des Nationalpark-Magazins "Unser Wilder Wald" (Herbst 2026). Das komplette Heft ist auch als PDF-Ausgabe verfügbar.

