Naturerlebnis ohne Stolpersteine

Ein Nationalpark für alle: Barrierearme Wege und starke Netzwerke schaffen Zugang zur Natur.

Eintrag Nr. 30/2026
Datum:


Barrierearmer Wanderweg Finsterauer Filz Foto: Woidlife-Photography
Barrierearmer Wanderweg Finsterauer Filz Foto: Woidlife-Photography

Einweisung in geländegängige E-Rollstühle. Helmut Plenk (v.l.), Kathrin Köck, Robert Kürzinger, Ursula Schuster und Günter Sellmayer Foto: Annette Nigl
Einweisung in geländegängige E-Rollstühle. Helmut Plenk (v.l.), Kathrin Köck, Robert Kürzinger, Ursula Schuster und Günter Sellmayer Foto: Annette Nigl

Rollstuhlfahrer im Haus zur Wildnis. Foto: Andreas Stumpp
Rollstuhlfahrer im Haus zur Wildnis. Foto: Andreas Stumpp

Grafenau. Teilhabe und Inklusion sind im Nationalpark Bayerischer Wald keine Nebenaufgabe, sondern ein übergeordnetes Anliegen. Um ein Schutzgebiet für alle sein zu können, muss jedoch nicht nur die Nationalparkverwaltung ihre Hausaufgaben machen, wie entsprechende Besucherangebote zur Verfügung zu stellen. Auch ein Netzwerk an externen Partnern ist nötig, damit die Angebote auf Menschen mit Handicap zugeschnitten werden können und die Angebote an den richtigen Stellen kommuniziert werden.

Gemeinsam Natur erleben

Günter Sellmayer hat beim Ab- und Aufladen seiner elektrischen, geländegängigen E-Rollstühle schon Routine. Hilfe braucht er dabei nicht, nach wenigen Minuten stehen beide Fahrzeuge für seine Gäste bereit. Er will ihnen den barrierearmen Rundweg „Libelle“ nahe Riedlhütte zeigen. „Wer will als erster den Rollstuhl ausprobieren?“, fragt er in die Runde. Nationalparkleiterin Ursula Schuster lässt sich das nicht nehmen und nimmt in der Ausführung für Rechtshänder Platz. Nach ein paar Anweisungen bekommt sie schnell ein Gespür für die Steuerung und es geht in gemütlichem Tempo los.

Helmut Plenk, Kreisgeschäftsführer des VdK Regen, und Robert Kürzinger, Geschäftsführer der Ferienregion Nationalpark Bayerischer Wald, können zu Fuß gut mithalten. Als sie die Einladung der Nationalparkverwaltung erhalten haben, sich zum Thema „Barrierefreiheit“ auszutauschen, mussten beide nicht lange überlegen und sagten sofort zu. „Barrierefreie Angebot werden auch bei uns in den Touristinfos immer mehr nachgefragt“, erklärt Kürzinger. „Nicht nur von Menschen, die im Rollstuhl sitzen, sondern auch von denjenigen, die nicht mehr so gut zu Fuß oder aber auf einen Rollator angewiesen sind. Da wollen wir natürlich bestmöglich informieren.“

Auch Helmut Plenk geht es ähnlich. „Bewohner von Behinderteneinrichtungen oder Altenheimen wollen natürlich auch Ausflüge machen und die Natur erleben.“ Dass dies in einem Mittelgebirge mit schmalen, steinigen Pfaden und starken Steigungen nicht immer leicht sei, muss er tagtäglich erfahren. Viele Punkte müsse man zusätzlich beachten, angefangen von der barrierefreien Bushaltestelle bis hin zur Behindertentoilette.

Durchdachte Details machen den Unterschied

Dass der Nationalpark hier bereits hervorragende Arbeit geleistet hat, wird gleich zu Beginn der Tour am Parkplatz Diensthüttenstraße sichtbar. Sowohl Bushaltestelle als auch das Toilettenhäuschen sind auf Menschen mit Handicap ausgerichtet. Damit beeinträchtige Besucher, die häufig langsamer unterwegs sind, sicher die Straße in Richtung Rundweg überqueren können, hat der Landkreis Freyung-Grafenau zwischen beiden Fahrspuren eine Mittelinsel gebaut. „Hier wurde wirklich an alles gedacht“, loben Plenk und Kürzinger, bevor sie auf den Wanderweg durch den Großen Filz abbiegen. Dort zeigen sich der Gruppe nicht nur beeindruckende Waldbilder, die man über breite Wege und Bohlenstege erreicht. Günter Sellmayer hat auf der Hälfte des 1,6 Kilometer langen Rundwegs die nächste wichtige Info für die Gäste parat und steuert mit seinem Rollstuhl zielstrebig auf die Sitzgruppe zu. „Alle Tische hier sind von einem Rollstuhl unterfahrbar und entsprechend hoch gebaut“, erklärt er, während Nationalparkleiterin Schuster ihr Augenmerk auf die Informationstafeln lenkt. „Die Grafiken wurden breiter und tiefer als üblich gefräst, so dass die Umrisslinien auch von sehbehinderten Personen leichter ertastet werden können.“

Es sei ein großer Aufwand, der bei den insgesamt fünf barrierefreien Wegen, die der Nationalpark mittlerweile hat, betrieben werde. „Aber es lohnt sich auf jeden Fall“, so Schuster, der das Thema „Barrierefreiheit“ ganz besonders am Herzen liegt. „Damit unsere Angebote auch wirklich passen, ist es uns wichtig, mit externen Partnern zu sprechen und Rückmeldungen zu erhalten, was wir noch besser machen können.“ Und hier hatte Helmut Plenk gleich eine Anregung. Auf den Wegweisern der barrierefreien Wege ist angegeben, dass die Steigung unter sechs Prozent liegt. „Vielleicht könnte man hier noch das Rollstuhl-Emblem ergänzen. So wäre es noch schneller und eindeutiger ersichtlich, dass man den Weg auch mit einem fahrbaren Hilfsmittel nutzen kann.“ Doch dies seien Feinheiten.

Inklusion als Daueraufgabe

Generell sehe man, dass der Nationalpark ein „Nationalpark für alle“ ist, so Plenk und Kürzinger. „Hier wird über Inklusion nicht nur geredet, sie wird gelebt und dafür angepackt.“ Über diese Lorbeeren freut sich Ursula Schuster sehr, darauf ausruhen will sie sich jedoch nicht. „Barrierefreiheit ist ein Dauerthema. Wenn wir Infrastruktur erneuern, denken wir immer an Menschen mit Handicap.“ Beispielsweise geschehe dies aktuell bei den neuen Volieren, die im Tier-Freigelände Neuschönau geplant werden. „Diese muss jeder nutzen können und selbstverständlich auch einen guten Blick auf die Tiere haben.“ 

Das Hans-Eisenmann-Haus, das Haus zur Wildnis sowie das Waldgeschichtliche Museum sind barrierearm gehalten. Das heißt, dass alle wesentlichen Punkte der Ausstellungen, die Gastronomie und die sanitären Anlagen ohne Barrieren nutzbar sind. Auch im Naturerlebnis Wistlberg, im Waldspielgelände bei Spiegelau, in den Tier-Freigeländen bei Neuschönau und Ludwigsthal sowie im Pflanzen- und Gesteinsfreigelände wurden barrierearme Wege angelegt und bestens markiert. Viele dieser Angebote sind mittlerweile von „Reisen für alle“ offiziell als barrierearm zertifiziert. Um die Natur auch draußen erleben zu können, wurden einige Strecken barrierearm ausgebaut und können von Rollstuhlfahrern genutzt werden.

Führungen mit dem Rollstuhl

Günter Sellmayer bietet als ehemaliger Ranger auch Führungen im Rollstuhl an. Alle weiteren Infos gibt es im Haus zur Wildnis unter 09922/5002-0 oder npfueralle@npv-bw.bayern.de. Alle Infos gibt es auch auf der Nationalpark-Homepage. 

 

INFO: Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des Nationalpark-Magazins "Unser Wilder Wald" (Herbst 2026). Das komplette Heft ist auch als PDF-Ausgabe verfügbar.

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