35 Jahre Nationaltheater der Wildnis
Nationalpark Sumava feiert Jubiläum
Eintrag Nr. 10/2026
Datum: 20.03.2026


Vimperk. Vor genau 35 Jahren, am 20. März 1991, wurde der größte Nationalpark der Tschechischen Republik – der Nationalpark Šumava – gegründet. In diesen 35 Jahren hat er sich zu einem der meistbesuchten Schutzgebiete Tschechiens entwickelt und ist zusammen mit dem Nationalpark Bayerischer Wald auch das größte Gebiet mit Wildnis.
„Die Šumava ist das Nationaltheater der Wildnis, wo wir ein einzigartiges Stück erleben durften. Es war eine Aufführung voller Wendungen, mal Drama, mal Komödie, stellenweise vielleicht Tragödie, aber der erste lange Akt hat ein gutes Ende. Und ich bin überzeugt, dass die Zuschauer zufrieden nach Hause gehen und sicherlich ihre Freunde und Bekannten einladen, denn das Stück endet nicht und vielerorts bahnt sich eine Wiederaufführung an“, sinniert der derzeitige Direktor Pavel Hubený über die bisher 35-jährige Geschichte des Nationalparks, den er seit genau einem Drittel seines Bestehens kontinuierlich leitet.
Zum Jubiläum des Nationalparks und seinem Direktor gratulierten als Erste die Nachbarn vom Nationalpark Bayerischer Wald: „Ich gratuliere dem Nationalpark Šumava ganz herzlich zum 35. Geburtstag. Bedanken möchte ich mich bei allen Kolleginnen und Kollegen beidseits der Grenze, die eine solch gewinnbringende und intensive Zusammenarbeit unserer beiden Nationalparke ermöglich, allen voran meinem Kollegen Pavel Hubený“, sagt Ursula Schuster, Leiterin des Nationalparks Bayerischer Wald. „Seit Jahren intensivieren die beiden Verwaltungen gerade auch auf seine Initiative hin die Kooperation, zum Beispiel in den Bereichen Forschung, Umweltbildung, Monitoring, Schutzgebietsbetreuung und Öffentlichkeitsarbeit. Danke dafür! Auf weiterhin gute Zusammenarbeit!“
„Es zeigt sich, dass die wichtigste Größe im Böhmerwald die Zeit ist. Es ist die Zeit, die wir der Natur geben müssen, damit sie beweisen kann, dass sie ohne menschliches Eingreifen auskommt. Es ist die Zeit, die wir den einzelnen Arten geben müssen, damit sie in ihre natürliche Umgebung zurückkehren können. Es ist die Zeit, die wir uns selbst geben müssen, um all dies zu verinnerlichen und uns mit etwas auseinanderzusetzen, an das wir Menschen uns längst nicht mehr gewöhnt sind – der Wildnis“, ergänzt Pavel Hubený, der beruflich mit der Nationalparkverwaltung Šumava und zuvor mit der Verwaltung des Landschaftsschutzgebiets Šumava seit 1988 verbunden ist.
Der Weg in die Wildnis
Eines der wichtigsten und zugleich schwierigsten Ziele des Nationalparks Šumava ist es, ein Gebiet zu schaffen und zu erhalten, das zu mehr als der Hälfte unberührt bleibt. Zum Zeitpunkt der Ausweisung des Nationalparks gab es in der Šumava kleine Naturinseln, in denen in der Vergangenheit entweder gar nicht oder nur minimal eingegriffen wurde. Diese sollten ohne menschliche Eingriffe erhalten bleiben. Doch als die erste große Borkenkäfer-Massenvermehrung eintrat und die Befürchtung aufkam, dass die Wälder der Šumava ohne menschliches Eingreifen nicht zurechtkommen würden, begann man in einigen Teilen der ausgewiesenen Schutzzonen mit dem Fällen befallener Fichten. Ein solches Vorgehen löste eine hitzige Diskussion unter Fachleuten und Laien aus. Und es bedeutete auch die erste Bürgerblockade.
„Ein ähnliches Szenario spielte sich ein Jahrzehnt später ab, nachdem der Orkan Kyrill die Wälder des Böhmerwaldes grundlegend verändert hatte. Damals verdoppelte sich jedoch fast die Fläche des Nicht-Eingriffsgebiets, was in etwa den bayerischen Naturzonen entspricht, und es entstand Raum für ein weiteres großes Drama. Dies gipfelte 2011 in einer abermaligen Bürgerblockade. Ein Jahr später ließ die Borkenkäferwelle jedoch nach und es folgte eine mehrjährige Phase, in der in den Wäldern des Nationalparks Šumava so wenig Borkenkäferholz wie nie zuvor in der Geschichte beseitigt wurde“, erinnert sich Jan Dvořák, Sprecher der Nationalparkverwaltung.
Im Jahr 2017 kam es zu einem entscheidenden Wendepunkt in Form einer Novelle des Gesetzes über den Schutz der Natur und der Landschaft. Dabei wurde festgelegt, dass in den meisten Gebieten der Nationalparks die Wildnis überwiegen soll.
Auf Grundlage dieser Novelle wurde eine neue Zonierung verkündet, ein neuer Nationalparkplan verabschiedet und neue Ruhezonen eingerichtet. Der Nationalpark Šumava hat sich damit nicht nur durch seine Naturschönheiten, sondern auch durch seine Gesetzgebung und klare Ausrichtung in die Riege der weltweit anerkannten Nationalparks eingereiht.
„Daneben kümmern wir uns auch um die Artenvielfalt. Dadurch ist es uns gelungen, eine ganze Reihe kritisch bedrohter Pflanzenarten wie beispielsweise die Sumpf-Fetthenne oder Tierarten wie die Flussperlmuschel zu fördern. Und wir dürfen die zahlreichen erfolgreichen Projekte nicht vergessen, die die Eingriffe der Vor-Nationalparkzeit wiedergutgemacht haben. Ein typisches Beispiel dafür ist das Projekt zur Wiederherstellung von Feuchtgebieten LIFE for MIRES“, erinnert Jan Dvořák.
Grenzüberschreitende Zusammenarbeit
Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist für die Entwicklung und Ausrichtung des Nationalparks Šumava, aber auch des Nationalparks Bayerischer Wald, von entscheidender Bedeutung, bestätigt auch die Leiterin der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald Ursula Schuster. „Für die Natur unseres grenzüberschreitenden Mittelgebirges war die Gründung unseres tschechischen Nachbar-Nationalparks ein echter Glücksfall. Zusammen bilden wir das größte zusammenhängende Waldschutzgebiet Mitteleuropas. Ein starkes Statement für den Naturschutz.“
Im Nationalpark Bayerischer Wald dominieren natürliche Prozesse auf mehr als 75 Prozent der Fläche, in der Šumava sind es über 48 Prozent. Zusammen bilden sie ein Gebiet ohne Eingriffe von rund 50.000 Hektar.
„Damit sind die Šumava und der Bayerische Wald zu einem der größten Wildnisgebiete in Mittel- und Westeuropa geworden. Wir sind so zu einer für Europa bedeutenden Insel der Biodiversität und zu einem Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten geworden, die anderswo keine Überlebenschance mehr haben. Ohne enge Zusammenarbeit, Verständnis und vor allem ohne ein gemeinsames Ziel hätten wir diesen Erfolg nicht erreicht. Darüber hinaus bringen wir dank dieser engen Zusammenarbeit hunderte Millionen Kronen aus grenzüberschreitenden Fonds der Europäischen Union in die Region“, so Nationalparkdirektor Pavel Hubený.
Die Rückkehr der Arten
Luchs, Habichtskauz, Biber, Zitronengelbe Tramete, Rauer Flachkäfer oder Wolf. Das sind nur einige, vielleicht die auffälligsten Arten, die in den Böhmerwald zurückgekehrt sind. Und damit sie zurückkehren konnten, musste der Natur wieder freier Lauf gelassen werden. So wurde das Konzept der Bewirtschaftung von Wirtschaftswäldern aufgeben und der Natur mehr Raum gelassen, damit sie selbst zeigen kann, dass sie der beste „Bewirtschafter“ ist.
„Dass dies gelungen ist, bestätigen uns gerade die genannten alten und neuen Bewohner des Böhmerwaldes. Ohne die große Wildnis wären wir nicht Zeugen davon, wie massiv und wie schnell sich beispielsweise der Raue Flachkäfer ausbreiten kann, der anderswo in Mitteleuropa praktisch nicht mehr vorkommt, wie sich die Population des Auerhuhns grundlegend erholt hat oder wie erfolgreich die Rückkehr des Luchses, des Habichtskauzes oder des Wanderfalken war“, räumt Sprecher Jan Dvořák ein.
Besucher und Anwohner
Erklären, informieren, transparent sein und über Fakten und Forschungsergebnisse aufklären. „Das ist eine weitere wesentliche Aufgabe der Nationalparkverwaltung Šumava, die wir so gut wie möglich zu erfüllen versuchen. Nach 35 Jahren Bestehen des Nationalparks und langjährigen Forschungen befinden wir uns in einer Phase, in der wir die Öffentlichkeit mit vielen Ergebnissen von Forschungen und vom Monitoring vertraut machen können, die meist einzigartige Erkenntnisse liefern, von denen selbst die Forscher keine Ahnung hatten. Und es geht nicht nur um Forschungsergebnisse und Beobachtungen, sondern auch um das direkte Erlebnis der atemberaubenden Natur, das eindeutig beweist, dass der Weg der Wildnis in den Nationalparks der richtige ist“, so der Sprecher.
Selbstverständlich ist auch die Entwicklung der Gemeinden im Gebiet des Nationalparks und des Lebens in ihnen ein wichtiges Handlungsfeld für die Schutzgebietsverwaltung. „In diesem Fall muss man einen Rückblick wagen und schauen, wie die Gemeinden in der Šumava Anfang der 90er Jahre aussahen und wie sie heute aussehen. Vielleicht reicht schon ein Blick auf einige, heute bereits historische Fotos aus jener Zeit. Ich persönlich zähle mich bereits zu diesen Zeitzeugen. Und gerade diese Erinnerungen beweisen mir, dass die Bewohner der Gemeinden in der Šumava alle Veränderungen gemeistert haben und sich die Gemeinden in der einzigartigen Natur, die sie umgibt, erfolgreich entwickeln. Und dafür gebührt ihnen großer Dank“, sagt Pavel Hubený.
Der Nationalpark Šumava hat sich in den Jahrzehnten seines Bestehens zu einem der touristisch beliebtesten Reiseziele in Tschechien entwickelt. Die Besucherzahlen steigen von Jahr zu Jahr.
„Meinungsumfragen, mit denen wir die Meinungen der Anwohner und Besucher zum Nationalpark kontinuierlich verfolgen, bestätigen uns, dass sich die Öffentlichkeit bereits bewusst ist, welch einzigartiges Naturjuwel hier existiert, und dass sie mehrheitlich mit der Vision für die Šumava übereinstimmt, wie sie auch gesetzlich verankert ist. Deshalb würde ich mir wünschen, dass sich dieser Trend in Bezug auf die Ausrichtung und Akzeptanz des Nationalparks Šumava fortsetzt“, schließt der Direktor des Nationalparks Šumava, Pavel Hubený.
Quelle: Pressemitteilung des Nationalparks Šumava
